Frühe Fremdbetreuung

Schadet die Kita unseren Kindern? Ein Psychologe meint, ja

Was macht es mit unseren Kindern, wenn sie früh fremdbetreut werden? Wir haben mit einem Psychologen gesprochen, der eine klare Meinung dazu hat.

Kita kann für kleine Kinder tatsächlich schädlich sein.
© Foto: Getty Images/Westend61
Kita kann für kleine Kinder tatsächlich schädlich sein.

Der Psychologe, Hypnotherapeut und Buchautor Georg Milzner hat eine eindeutige Meinung dazu, ob frühe Fremdbetreuung Kindern schadet. Dabei macht er nicht uns Eltern, sondern vielmehr der kinderunfreundlichen Politik in unserem System einen Vorwurf. 

Herr Milzner, ab wann ist es okay für Kinder, in die Kita zu gehen?

Ein festes Alter festzulegen, ab wann man ein Kind getrost in die Fremdbetreuung geben kann, halte ich für falsch. Eher müsste man es anders herum angehen und sagen: Unter drei Jahren ist von einer Fremdbetreuung in einer lauten Umgebung und bei hoher Personalfluktuation eher abzuraten. Die Hirnreifung kann wegen des hohen Stressfaktors Schaden nehmen. Überdies sollte ein Kind sprechen können, um zu erzählen, wie es ihm in der Betreuung ergeht.

Ständig wechselnde Bezugspersonen – ein Thema in vielen Kitas. Schadet das wirklich den Kindern?

Das schadet den Kindern, ja. Denn häufige Personalfluktuationen schaffen unsichere, instabile Bindungsverhältnisse. Das ist leider eine Gewähr dafür, dass das Kind in seiner Emotionalität instabil bleibt. Ich habe in den späten 90er-Jahren ein Behandlungsmodell zur Therapie von Frühstörungen entwickelt, damals waren es meist Borderline-Störungen. Dabei wurde deutlich, dass diese Patient*innen in ihren frühen Jahren ausnahmslos instabile Bindungen erlebt hatten und daher nie selbst eine innere Stabilität entwickeln konnten.

Wie geht man als Eltern am besten damit um, wenn das Kind Morgen für Morgen beim Abschied in der Kita weint? Muss es da durch, oder ist es ein Zeichen, dass ihm wirklich etwas fehlt?

Den Satz "Da muss das Kind durch" habe ich schon oft gehört, und ich finde ihn bestürzend empathiefrei. Denn wenn ein Kind immer wieder weint, ist etwas nicht in Ordnung. Möglicherweise müsste die Eingewöhnung länger dauern, bei manchen Kindern braucht es dazu viele Wochen. Das rabiate Cutten der Beziehung kann ein Kind traumatisieren, was man aber leider erst viel später merkt. Ich würde entweder bei dem Kind bleiben oder in kurzen Abständen wiederkommen, um zu signalisieren, ich bin nie ganz weg. Wenn das Kind dennoch immer wieder weint, heißt das wohl: Hier ist mein Kind falsch.

Schade ich also meinem Kind, wenn ich es mit zwölf Monaten in die Krippe gebe?

Tendenziell leider ja. Mit zwölf Monaten kann ein Kind noch nicht sprechen und kann also auch nicht erzählen, wenn ihm etwas Schlimmes wiederfährt. Auch sollte immer eine liebevolle Person nah bei ihm sein, und das können minderbesetzte Kitas nicht leisten. Als Supervisor von Erzieher*innen weiß ich, dass die besten unter ihnen tief darunter leiden, den ganz Kleinen nicht genügend geben zu können, was sie brauchen.

Ist eine Tagesmutter oder Krippe/Kita besser fürs Kind?

Ein Kind unter drei Jahren ist, wie die Hirnforschung zeigt, den Belastungen einer Kita kaum gewachsen. Es braucht die enge Bindung. Eine sehr gute Tagesmutter mit wenigen Kindern kann das leisten, die klassische Kita kann es nicht.

Welche Vorteile hat es fürs Kind, wenn es von den eigenen Eltern, Großeltern oder im Wechsel mit Gleichgesinnten statt in einer Einrichtung betreut wird?

Die größten Vorteile bestehen in den stabilen Bindungsmustern und der Stressfreiheit. Überdies braucht es weniger feste, vorgegebene Zeiten. Und dabei geht es nicht allein um die Kinder. Auch die Eltern profitieren von solchen Modellen. Aus Studien wissen wir, dass Eltern eigentlich nur dann zur frühen Fremdbetreuung bereit sind, wenn äußere Gefahren drohen. In allen anderen Fällen wirkt die Sorge, ob es dem Kind auch wirklich gut geht, unbewusst weiter. Ein kleines Kind Menschen zu geben, die man nicht tief und eingehend kennt, löst in uns eigentlich massiven Stress aus. Dass viele Eltern den nicht zu fühlen scheinen, sollte uns nicht täuschen. Viele entwickeln Symptome, die aus der Doppelbelastung und den unbewusst wirkenden Ängsten resultieren. Bei der Betreuung im Clan oder in einer guten Familie passiert das nicht. Hier sagen unsere Instinkte: Die hier kenne ich richtig gut, ich weiß, wie die sind.

Wird ein Kind bis drei Jahre ausschließlich zu Hause betreut, fehlen ihm dann nicht Kontakte zu anderen Kindern?

Da müssen wir unterscheiden: Wer selbst betreut, macht das ja nicht zwangsläufig zu Hause. Ich war mit meinem Sohn gestern Vormittag in der Stadt, mal kauften wir was ein, dann gingen wir einen Saft trinken und plauderten mit einem Herrn, den wir kennen. Dann waren wir auf einem Spielplatz, wo wir mit den Kindern spielten, die eine Tagesmutter mitbrachte. Wir hatten viel Kontakt, aber eben nicht nur mit Kindern, sondern zum Beispiel auch mit Bauarbeitern. Die Welt ist divers, und Kinder brauchen diese Diversität.

Was tun, wenn man aus finanziellen Gründen arbeiten muss, aber das Kind mit einem Jahr (oder früher) noch nicht in die Kita geben will?

Dass das überhaupt vorkommt ist schlimm und zeigt, wie verächtlich sich die Politik gegenüber uns Eltern verhält. Wir müssen uns Gleichgesinnte suchen, wo das möglich ist. Und wenn man gut in seinem Beruf ist, sollte man hart verhandeln, wie ich das als junger Vater auch getan habe. Aber leider kann kein Einzelmensch ein katastrophales System ändern. Ich finde, wir Eltern müssten in Massen auf die Straße gehen und Arbeitsverhältnisse fordern, die unsere Kinder integrieren, statt sie auszuschließen.

Wie sieht die "perfekte" Betreuung für Kleinkinder aus, damit sie sich optimal entwickeln können?

Es ist ja häufig die Rede von dem afrikanischen Dorf, das es braucht, um ein Kind zu erziehen. Wer mal in einem afrikanischen Dorf war, weiß: Da gibt es keine Krippe, da leben alle miteinander. Die schönste Betreuung für Kinder wäre die, in der einerseits Eltern präsent sind und andererseits Freund*innen oder Kolleg*innen drumherum. Eine Arbeitswelt, in die man Kinder mitbringt und sie dort in einem fluiden Wechsel von Betreuen, Arbeiten und Kommunizieren bei sich hat, wäre mein Wunsch.

Möchten Sie uns sonst noch etwas mitgeben?

Der verstorbene Familientherapeut Jesper Juul hat immer darauf hingewiesen, dass Kitas nicht für Kinder entwickelt wurden, sondern um Erwachsene schnell wieder dem Arbeitsmarkt zuzuführen. Er meinte, dass etwa 20 Prozent der früh Fremdbetreuten dauerhaft geschädigt würden. Das würde, wenn es sich um stoffliche Schädigungen – etwa durch Asbest oder Zigarettenrauch – handeln würde, die Gesundheitsbehörden sofort unter Zugzwang setzen. Aber die, die unter den Folgen früher seelischer Mangelernährung leiden, sieht man ja nicht gleich ...

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