Rassismus-Vorwürfe und ihre Folgen

Kritik an Winnetou-Geschichte: Buch zum neuen Film vom Markt genommen

Während das Buch "Der junge Häuptling Winnetou" ab sofort nicht mehr vertrieben wird, läuft der gleichnamige Film weiterhin in deutschen Kinos. Die Meinungen gehen auseinander, manche sagen alles Fiktion, andere prangern die Verharmlosung der Geschichte indigener Völker an ...

"Der junge Häuptling Winnetou" läuft seit August in deutschen Kinos.
© Foto: leoninedistribution.com
"Der junge Häuptling Winnetou" läuft seit August in deutschen Kinos.

Am 11. August 2022 startete eine Neuauflage der Geschichte über einen der wohl berühmtesten Kindheitshelden vieler kleiner Abenteurer – in den Kinos: "Der junge Häuptling Winnetou" ist ein Film ohne FSK-Beschränkung. Seit den 1960er-Jahren, als die ersten “Winnetou”-Verfilmungen veröffentlicht wurden, hat sich in unserer Gesellschaft viel getan. Und so keimte schon vor Wochen ernstzunehmende Kritik am Film und dem dazugehörigen Buch auf.

Rassistisch und verharmlosend?

Vor allem in den sozialen Medien wurden Ausrufe laut, die Darstellung der Behandlung der indigenen Bevölkerung werde verharmlost und sei rassistisch. Zudem wird den Film- und Buchmachern vorgeworfen mit den Produkten kulturelle Aneignung zu betreiben. 

Der Verlag Ravensburger hat auf die Vorwürfe reagiert und sich entschieden, das Kinderbuch (Erstleserbuch ab acht Jahren), ein Puzzle und das Stickerbuch zum Winnetou-Film nicht länger zu vertreiben. In einem Statement bei Instagram vom 11. August 2022 heißt es unter anderem: "Wir haben die vielen negativen Rückmeldungen zu unserem Buch 'Der junge Häuptling Winnetou' verfolgt und wir haben heute entschieden, die Auslieferung der Titel zu stoppen und sie aus dem Programm zu nehmen. Wir danken Euch für Eure Kritik. Euer Feedback hat uns deutlich gezeigt, dass wir mit den Winnetou-Titeln die Gefühle anderer verletzt haben. Das war nie unsere Absicht und das ist auch nicht mit unseren Ravensburger Werten zu vereinbaren. Wir entschuldigen uns dafür ausdrücklich."

Die Diskussion ist nicht neu

Ob die Entscheidung des Verlags die richtige war, darüber streitet sich die Öffentlichkeit weiter. Einige schätzen die Einsicht, andere beanspruchen für Künste wie Bücher, Filme und Schauspiel kreative Freiheiten und halten daran fest, dass es sich bei der Geschichte rund um Winnetou um eine fiktive Erzählung handelt, die das Leben – und die Historie indigener Völker – nicht realisitsch wiedergibt und -geben muss.

In jedem Falle ist die Diskussion ist nicht neu: Auch die Darstellungen bei den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg (Schleswig-Holstein) werden von Kritikern seit Jahren beanstandet. Auch rund um die Karnevalszeit kommt es in Kindergärten und Schulen immer wieder zu hitzigen Debatten darüber, ob sich Kinder (noch) als "Indianer" (die Bezeichnung stammt aus der Kolonialzeit, politisch korrekt ist "indigene Bevölkerung") verkleiden dürfen.

Experten verleihen dem Film das "Prädikat besonders wertvoll"

Auch die Experten der Deutschen Film- und Medienbewertung (FBW) waren laut eigener Aussage sehr unterschiedlicher Meinung, was "Der junge Häuptling Winnetou" (SamFilm GmbH, LEONINE Studios, Studio Babelsberg) angeht. Laut eigener Aussage "zeigte sich in der sehr langen Diskussion, dass in der Gesamtbewertung des Films die Jury absolut gespalten war – zwischen vehementer Ablehnung einerseits und großer Zustimmung andererseits." Letztendlich vergab das Kommitee das "Prädikat besonders wertvoll" – eine zusammenfassende Bewertung, die die gespaltenen Meinungen nicht abdeckt.

Ein Teil der Jury-Mitglieder war nämlich zu dem Schluss gekommen, dass "es in unserer Zeit nicht mehr zulässig [ist], einen Film und im Besonderen einen Kinder- und Jugendfilm im Geist der mythisch aufgeladenen und sehr klischeehaft darstellenden Karl May-'Folklore' zu realisieren. So sei dieser Film ein kitschiges rückwärtsgewandtes Theaterstück, das nichts mit der Realität zu tun habe. Karl Mays literarische Idylle im Herkunftsland der indigenen Völker Nordamerikas sei, so die Aussage der Jury-Mitglieder, eine Lüge, welche den Genozid an den Ureinwohnern Amerikas und das ihnen zugefügte Unrecht der Landnahme der weißen Siedler und der Zerstörung ihres natürlichen Lebensraumes vollkommen ausblenden würde." Anscheinend war die Mehrheit der FBW-Experten allerdings der Meinung "Es sei allseits bekannt, dass Karl May seine Erzählungen im von ihm so genannten 'Indianerland' und auch im 'Orient' aus seiner Fantasie geschrieben habe und selbst nie vor Ort der von ihm erdachten Abenteuer gewesen sei. Man könne ihn daher ruhigen Gewissens als 'Märchenonkel' bezeichnen."

Das sagt die Vorsitzende der Native American Association of Germany

Der SWR hat mit Carmen Kwasny, Vorsitzende der Native American Association of Germany, gesprochen: Sie sagt: "Die Stereotypen werden an die nächste Generation weitergegeben. [...] Sie haben nichts mit der Kultur der Mescalero-Apachen zu tun."

Aufklärung darf nicht zu kurz kommen

Auch bei rein fiktionalen Geschichten besteht die Gefahr, dass diese nicht als solche erkannt werden – besonders, wenn diese in Anlehnung an historische oder gesellschaftliche Ereignisse entstehen. Wohlgemerkt sind es Kinder, die diese Abgrenzung ziehen beziehungsweise verstehen müssten. Der neue Winnetou-Film ist weiterhin in den deutschen Kinos zu sehen, ob ihr ihn euch anseht, bleibt natürlich euch überlassen. Denn ja, auch wir sind mit Karl-May-Filmen und Büchern aufgewachsen. Doch was die Debatte mehr denn je zeigt ist, dass wir als Eltern die Pflicht haben, unsere Kinder altersgerecht aufzuklären und keine romantisierenden Bilder unkommentiert weitergeben sollten.

Eure Meinung ist uns wichtig! Verratet uns gerne unter unserem Facebook-Post, wie ihr zur aktuellen Winnetou-Debatte steht!

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