Vornamen-Debatte

Braucht ein Baby wirklich mehrere Namen?

Vor 100 Jahren ging es fast nicht ohne: Neugeborene bekamen einen zweiten, wenn nicht sogar dritten oder vierten Namen verpasst. Doch wie entscheiden sich Eltern heute? Liegen Doppelnamen im Trend oder braucht der Nachwuchs vielleicht sogar noch mehr? Und wie viele Vornamen sind überhaupt erlaubt? Eine Namensforscherin beantwortet die wichtigsten Fragen.

Viele Eltern überlegen lange, bevor sie sich für einen oder mehrere Vornamen entscheiden.
© Foto: Getty Images/Gary S. Chapman
Viele Eltern überlegen lange, bevor sie sich für einen oder mehrere Vornamen entscheiden.

Den richtigen Namen für den eigenen Nachwuchs zu finden, fällt vielen Eltern (gefühlt) schwerer als Aufgaben aus der Quantenphysik zu lösen. Schön soll er sein und bedeutungsvoll. Und im besten Fall sollte er natürlich dem eigenen Kind auch gefallen. Außerdem stellt sich die Frage, ob es bei dem einen bleibt oder vielleicht noch ein Zwei-, Dritt oder sogar Viert- und Fünftname dazukommt. 

Vor dem zweiten Weltkrieg trugen fast 70 Prozent aller Deutschen mindestens zwei Vornamen. Doch in den Siebziger und Achtziger Jahren lies diese Tradition merklich nach, selbst berühmte Persönlichkeiten wie Madonna, Sting und Prince reduzierten sich auf nur einen Künstlernamen. Seit einigen Jahrzehnten allerdings tendieren Eltern wieder verstärkt in die andere Richtung. Laut der Gesellschaft für deutsche Sprache zeigt etwa eine Statistik aus dem Jahr 2015, dass 35 Prozent der Kinder einen Folgenamen erhalten.

Familientraditionen bestimmen die Vornamensuche wieder mehr

Doch welche Rolle spielen dabei Tradition und Zeitgeist? Namensforscherin Kristin Loga erklärt: "Hier ist der Zeitraum wichtig, von dem wir sprechen: Am Anfang des 20. Jahrhunderts überwog sicher die Familientradition. Auch bei den Mitte des 20. Jahrhunderts Geborenen dürfte dies so sein. In der Zeit der 70er/80er/90er-Jahre wurden Namen dann vorrangig nach Gefallen und Wohlklang, auch das eigene Idol wurde da schon mal als Inspiration gewählt. Mittlerweile ist die Tradition der familiären Nachbenennung aber wieder stärker zu spüren."

Die Entscheidung, ob Kinder nur einen oder mehrere Vornamen bekämen, sei meist sehr persönlich, erklärt Kristin Loga, und habe oft auch mit der eigenen Erfahrung zu tun: "In meinem Familien- und Bekanntenkreis überwiegt zum Beispiel deutlich die Fraktion derer, die ihrem Kind, ihren Kindern mehr als nur einen Rufnamen geben. Ich persönlich bin mit meinem einzigen Rufnamen aber recht zufrieden, weshalb mein Kind auch nur einen hat."

Fünf Vornamen sind erlaubt

Die meisten Standesämter in Deutschland lassen insgesamt fünf Vornamen gelten, die Weitergabe des eigenen Namens ans Kind ist erlaubt, in einigen Fällen dürfen Jungen sogar nach einer Frau benannt werden und die Reihenfolge der Namen lässt sich später meist noch ändern. "Meist passiert das in Gegenden, die eine besondere Nähe zur katholischen Religion aufweisen. Wenn die Figur der Maria, der Mutter Gottes, in der Familie eine wichtige Rolle spielt, kann dieser eigentlich weibliche Rufname als zweiter Name für einen Jungen verwandt werden", erklärt die Expertin. Dies sei aber eher die Ausnahme. Im Jahr 2020 lauteten die beliebtesten Zweitnamen Deutschlands Sophie oder Sofie für Mädchen und Alexander für Jungen.

Übrigens: Eine Studie der Universität Southampton fand heraus, dass ein Initial zwischen Vor- und Nachname einen entscheidenden Vorteil liefert: auf die Mehrzahl der Testpersonen wirkten Menschen mit Initialen im Namen intelligenter und von höherem gesellschaftlichen Status. 

Mehr als ein Vorname fürs Baby?

Alle Mamas und Papas stellen sich irgendwann die Fragen: wie soll unser Kind heißen und bekommt es nur einen, zwei oder gleich vier Vornamen? Wir haben Eltern gefragt, wie sie auf den oder die Namen für ihre Kindern gekommen sind.

© Foto: Markus Püttmann

"Ein Vorname genügte uns – eigentlich!"

Eigentlich sollte unser Sohn nur einen Vornamen bekommen, weil uns das im Prinzip genügte. Dafür sollte es aber einer mit viel Geschichte sein: Nahne! Ich habe viele Familienstammbäume zu Hause und auch Verwandte, die sich mit Ahnenforschung beschäftigen. Als klar war, dass wir einen Sohn erwarten, habe ich recherchiert, welcher Name infrage kommen könnte. Anhand der Aufzeichnungen konnte ich bis 1782 nachverfolgen, dass der Erstgeborene der Familie mit dem ersten oder zweiten Namen immer Nahne genannt wurde. Mein Mann war mit dem Namen einverstanden. Kurz darauf erfuhren wir aber, dass Nahne auch als Mädchenname möglich ist. Deshalb brauchten wir für unseren Sohn noch einen klar männlichen Zweitnamen. Er heißt jetzt Nahne Theodor Nahnsen. Theodor war der Zweitname meines Vaters, der leider schon verstorben ist und Nahne nie kennenlernen konnte. Ich weiß, er hätte sich sehr über seinen Enkel gefreut.

Carola Nahnsen, 39, Stil-Beraterin und Mode-Expertin (https://www.instagram.com/carola_nahnsen/) aus Steinfurt, ein Sohn (4 Monate)

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"Unsere Kinder haben später die Wahl, wie sie sich nennen"

Ich selbst habe nur einen Vornamen, nämlich Kathrin. Der gefällt mir zwar sehr gut, manchmal hätte ich einen zweiten aber schön gefunden, um mir irgendwann aussuchen zu können, wie ich genannt werden möchte. Das finde ich das Schöne an mehreren Vornamen: später die Wahl zu haben, wie man sich nennen will. Mein Mann und ich waren uns von Beginn an einig, dass unsere Kinder nicht nur einen Vornamen tragen sollten. Mein Sohn hat deshalb zwei und meine Tochter sogar drei. Mein Sohn heißt John Konrad, nach seinem Vater und Großvater. Der Papa von meinem Mann war früher Seefahrer und wurde von allen nur Johnny genannt. Sein richtiger Namen war Konrad. Aus dem Spitznamen Konni wurde in Übersee dann Johnny. Wir mussten aber auch den Konrad unterbringen, weil mein Mann Jan ihn ebenfalls als Zweitname trägt. Dazu passt John einfach besser. Meine Tochter heißt Karla Norma Gabrielle und ist damit nach meinen Ikonen Norma Jeane Baker (Marilyn Monroe) und Gabrielle Chanel benannt. Ihren ersten Namen haben wir gewählt, weil der Gründer unseres Taschengeschäfts Karl Rothardt hieß.

Kate Gelinsky, 35, Mode- und Beauty-Bloggerin (https://www.instagram.com/kategelinsky/) aus Lüneburg, ein Sohn (7) und eine Tochter (4)

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"Wir wollten keinen Zweitnamen, der nie genutzt wird“

Mein Mann und ich waren uns von Beginn an einig, dass unsere Tochter nur einen Namen bekommen soll. Zum einen wollten wir nicht, dass sie einen zweiten Namen hat, der überhaupt nie benutzt wird. Das finden wir beide irgendwie sinnlos. Und sie mit zweiten Namen nach einer Oma oder Uroma zu benennen stand auch nicht wirklich zur Debatte, weil uns deren Namen nicht so sehr gefielen. Außerdem haben mein Mann und ich auch nur jeweils einen Namen. Allerdings haben wir wirklich lange gebraucht, uns auf diesen einen Namen zu einigen. Wir hatten sogar eine Tafel in der Küche, auf der alle Vorschläge standen. Aber entweder gefiel mir sein Favorit nicht oder ihm meiner nicht. Irgendwann habe ich gesagt, wir müssen ganz neu nachdenken. Und so saßen wir eines Abends auf dem Sofa und haben Musikvideos auf Youtube angeschaut, als der Zufallsgenerator einen Song von Ariana Grande ausspuckte. Mein Mann schaute mich an und fragte: "Wie wäre es denn mit Ariana?" Mir gefiel der Name sofort und wir wussten direkt, dass wir ihn deutsch aussprechen wollten. 

Lisa, 33, Stillberaterin aus Bochum, eine Tochter (2)

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"Unser Sohn trägt die Namen seiner Großväter weiter"

Ich wusste von Anfang an, dass unser Sohn mehrere Namen bekommen soll – und auch, dass sie nicht mit Bindestrich verbunden sein sollen, damit er sich später aussuchen kann, welchen Namen er am schönsten findet. Die Option hat mir immer gut gefallen, vielleicht auch, weil ich selbst nur einen Namen trage. Die Namensfindung für unseren Sohn ging super schnell, insgesamt haben wir vielleicht zehn Minuten dafür gebraucht, weil wir uns vorher schon einig waren, dass unser Sohn mit seinem Namen an seine Großväter erinnert werden soll. Und weil der Vater meines Kindes und mein eigener Vater beide Josef heißen, war der natürlich schon mal gesetzt. Der zweite Opa unseres Kindes hieß Heinrich. Wir fanden beide Namen schön und bedeutungsvoll, doch keiner passte nach unserem Gefühl als Erstnamen. Irgendwann schrieben wir uns abends Handynachrichten hin und her, und von Josef kam auf einmal "Unser Sohn ist ein Paul." Ja, dachte ich, stimmt! Es wird ein Paul. Also war klar, dass unser Kind Paul Josef Heinrich heißen wird. Damit sind wir sehr glücklich. 
 
Anja, 42, Headhunterin aus der Wedemark, ein Sohn (3)

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