Gut oder gefährlich?

"Dreamfeeding": Im Halbschlaf stillen für eine ruhige Nacht?

Für ein paar Stunden Schlaf am Stück würden Eltern einiges tun. Auf der Suche nach Tipps für eine funktionierende Nacht-Routine stößt man online immer mal wieder auf "Dreamfeeding". Was es damit auf sich hat und ob das Stillen im Halbschlaf wirklich eine gute Idee ist, haben wir mit zwei Expertinnen geklärt.

"Dreamfeeding": Das halbschlafende Baby zu stillen soll ein Geheimtipp für geruhsame Nächte sein.
© Foto: iStock/tatyana_tomsickova
"Dreamfeeding": Das halbschlafende Baby zu stillen soll ein Geheimtipp für geruhsame Nächte sein.

Die These: Häufig werden Babys mitten in der Nacht wach, weil sie Hunger haben. Der Lösungsansatz: "Dreamfeeding". Statt zu warten, bis das Baby mit knurrendem Magen aufwacht, nimmt man es aus dem Bettchen und füttert es – quasi prophylaktisch – im Halbschlaf. Kind und Mama haben so eine längere Ruhephase. Zumindest, bis es an der Zeit für die nächste Mahlzeit ist.
Mmh, könnte klappen, oder? Wir haben Expertinnen gefragt, ob "Dreamfeeding" wirklich eine gute Idee ist.

Wie funktioniert "Dreamfeeding" genau?

Wenn die Mama abends ins Bett geht, schläft das Baby (hoffentlich) schon. Doch in der Nacht wird es wach werden und möchte gestillt werden oder ein Fläschchen bekommen. "Dreamfeeding" ist ein Ansatz, der Kind und Mutter eine erholsamere Nacht ermöglichen soll: Bevor man selber ins Bett geht – oder 2 bis 3 Stunden nachdem man das Baby schlafen gelegt hat – weckt man das Kind durch Streicheln oder sanfte Berührungen leicht auf und nimmt es aus dem Bettchen. Dann hält man ihm die Brustwarze oder die Flasche an die Unterlippe, damit es andockt. Im Idealfall wird das Baby nicht richtig wach, sondern trinkt im Halbschlaf. Nach der Mahlzeit sollte das Kind die Möglichkeit bekommen, aufzustoßen. Dann kann es wieder abgelegt werden. Babys sollen so nach dem Füttern schneller und besser wieder ins Land der Träume finden und länger durchschlafen, weil sie der Hunger nicht (so schnell) wieder weckt.
Entwickelt ein Baby nachts einen festen Ablauf und wacht beispielsweise immer gegen 3 Uhr auf, weil es Hunger hat, soll auch hier "Dreamfeeding" helfen können. Dafür stellt man sich einen Wecker und füttert es, wie oben beschrieben, im Halbschlaf, BEVOR es sich von selber bemerkbar macht und richtig wach wird.
Soweit so gut. Das klingt eigentlich ganz logisch und als könnte es funktionieren. Einen Versuch könnte es wert sein.

Keine Erziehungsmaßnahme!

Einen möglichen erzieherischen Aspekt, den manche Eltern im Netz im "Dreamfeeding" sehen, befürworten wir allerdings ganz und gar nicht: Online kursieren Aussagen, dass man sein Kind, wenn es nachts weint und schreit, durch das Hochnehmen und Stillen "belohnt". Durch das prophylaktische Stillen im Halbschlaf könne man dem entgehen, um kein "falsches" Verhalten zu triggern. Dazu sei eines gesagt: Ein Baby wacht nicht auf, um uns zu ärgern. Ein Baby hat keine andere Möglichkeit als zu quaken, zu weinen oder zu schreien. Es kann sich schlicht nicht anders bemerkbar machen. Unser Baby ist auf uns angewiesen. Wenn es sich nachts meldet, weil es Hunger hat, ist das KEIN falsches Verhalten!

Das sagen Experten zu "Dreamfeeding"

Nun wollen wir es aber genau wissen! Dafür haben wir eine Stillberaterin und eine Schlafberaterin nach ihrer Meinung gefragt.

Das sagt Christiane Stange, Stillberaterin und 2. Vorsitzende von La Leche Liga Deutschland e.V. zu Dreamfeeding: 

"Untersuchungen* zeigen schon lange, dass sich die Schlafrhythmen von Mutter und Baby synchronisieren, wenn diese nahe beieinander schlafen, sodass die Mutter schon die ersten Anzeichen eines Erwachens wahrnimmt. Somit kann sie frühzeitig die Brust anbieten, ohne erst auf stärkere Signale des Babys zu warten. Oft reagieren Babys gut darauf und das Stillen wird Teil des natürlichen Schlafrhythmus von Mutter und Kind. Inwiefern die Mutter das Stillen im Halbschlaf noch mehr steuern kann ist fraglich, da ein Baby zum Stillen ein Mindestmaß an Aktivität zeigen muss. Wird es zu sehr aus dem Schlaf gerissen, wird es vermutlich nur kurz nuckeln und weiterschlafen, statt im Sinne des Dreamfeedings richtig zu trinken."

*Baddock SA, Galland BC, Bolton DP, Williams SM, Taylor BJ. Differences in infant and parent behaviors during routine bed sharing compared with cot sleeping in the home setting. Pediatrics. 2006 May;117(5):1599-607.

Auch Katharina Schmidt, zertifizierte Schlafberaterin (childsleep.de) hat eine Meinung zu Dreamfeeding:
"Dreamfeed ist wissenschaftlich nicht haltbar, es ist sanftes Schlaftraining und die Studienlage ist dünn. Bei dieser Methode wird ein Baby – ungeachtet der Hungerbedürfnisse – mit Nahrung vollgepumpt. Natürlich kann es dabei helfen, länger zu schlafen. Bei Neugeborenen oder kleinen Babys ist das aber keine Kunst. Dreamfeed kann kein Durchschlafen 'beibringen', da Schlaf mit der individuellen physiologischen und neurologischen Reife zusammenhängt. Die Risiken, die Dreamfeed in sich birgt, müssen aufgezeigt werden. Und das kommt oft zu kurz.
Was sind die Risiken?

  • Babys werden möglicherweise überfüttert. Die vollere Windel ist da noch das geringste Übel. Manche Kinder spucken. Spätestens dann ist es vorbei mit dem Schlaf.
  • Insbesondere das Füttern im Liegen kann zum Verschlucken und Würgen führen. Wie furchtbar, wenn ein Baby ungewollt gefüttert wird und anschließend das Gefühl hat, zu ersticken. 
  • Blähungen können die Folge von zu viel Nahrung sein. Bauchschmerzen sind ohnehin oft genug Thema in den ersten Lebensmonaten. Wozu also intensivieren?
  • SIDS (Plötzlicher Kindstod) ist eine Tatsache, über die man nachdenken sollte. Durchschlafen ist kein erstrebenswertes Ziel. Kinder wachen nicht nur aufgrund von Hunger auf, sondern auch wegen dem Nähebedürfnis. Regelmäßige Nahrung nach Bedarf ist die Antwort.

Wir wollen, dass unser Kind sich regelmäßig bei uns meldet, denn schwere Erweckbarkeit kann zu Atemstillstand führen. Wollt ihr aus dem Schlaf gerissen werden und zum Essen/Trinken gezwungen sein? Lasst euch nicht täuschen! Dreamfeed ist Schlaftraining mit Risiken. Ohne Lerneffekt. Punkt!“

Bedürfnisse des Babys achten

Dreamfeeding bringt also durchaus auch Risiken mit sich. Natürlich könnt ihr es ausprobieren, eurem Baby bevor ihr selber ins Bett geht, die Brust zu geben. Wichtig ist, dass ihr auf die Bedürfnisse eures Kindes achtet und diese nicht dem Ziel eine ruhige Nacht zu haben unterordnet!

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