Gut für drei Generationen

Betreuung durch die Großeltern: Oma und Opa machen das schon!

Glückliche Kinder, erfolgreiche Karriere: In vielen Familien funktioniert diese Kombination heutzutage nur, weil Oma und Opa bei der Enkel-Betreuung unterstützen. Eine Entwicklung, von der alle drei Generationen profitieren können.

Fast die Hälfte der Großeltern in Deutschland (48 Prozent) übernimmt regelmäßig praktische Aufgaben im Haushalt der Kinder. Das ist ein Ergebnis der repräsentativen forsa-Umfrage "Generationen-Unterstützung" im Auftrag vom Versicherungsunternehmen "CosmosDirekt". Ganz vorn dabei und besonders beliebt ist die Betreuung der Enkelkinder. Für die Kleinen bedeutet das: Neben Mama und Papa wird auch Oma oder Opa zur wichtigen Bezugsperson.

Psychologisch sehr wertvoll: Beziehungen zu unterschiedlichen Menschen

"Kinder haben die unglaublich tolle Fähigkeit, intensive Beziehungen zu knüpfen und schnell Vertrauen aufzubauen", weiß Dr. med Oliver Dierssen, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. "Dies haben sie vielen Erwachsenen voraus."  Verbringen die Kinder viel Zeit mit einem bestimmten Menschen, so wird er laut Dr. Oliver Dierssen daher ganz von selbst zur Vertrauensperson. Das gelte für Großeltern genauso wie für Patenonkel, "Lese-Omas" oder die Eltern der besten Freundin. Die Kinder können davon stark profitieren: "Aus psychologischer Sicht ist die Fähigkeit des Kindes, wichtige Beziehungen zu ganz unterschiedlichen Menschen zu führen, eine sehr wertvolle", erklärt Dr. Dierssen. "Wer dies kann, fühlt sich im Leben oft freier und führt stabilere Beziehungen."

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"Es gibt keinen besseren Geschichtsunterricht als den von Omi und Opi."

Oma und Opa bringen zusätzlich allein durch ihr Alter eine spannende Komponente in die Beziehung zum Enkelkind ein: den generationenübergreifenden Austausch. Sonia Harders-Weber ist die Gründerin von lend-grand.de, Deutschlands erstem Vermittlungs-Portal für Leihgroßeltern. Sie sieht in dem Altersunterschied einen der ganz großen Vorteile eines Babysitters aus der Großeltern-Generation: "Es gibt keinen besseren Geschichtsunterricht als den von Omi und Opi", bringt es die Dreifachmutter auf den Punkt. "Kinder können von den Geschichten aus der damaligen Zeit sehr viel lernen. Ein absoluter Gewinn." Die Anekdoten werden durch den persönlichen Bezug zum Erzähler für die Kinder besonders greifbar und dadurch interessanter. "Wie war das damals in deiner Schulzeit? Welches Spielzeug hattest du? Wie, du hattest kein Handy? – Zu Fragen wie diesen und noch viel mehr können Oma und Opa Rede und Antwort stehen und die Kinder durch ihre damaligen Werte bereichern", weiß Sonia Harders-Weber aus beruflicher wie privater Erfahrung.

Enkel halten fit – geistig und körperlich

Doch nicht nur die Kinder, auch die Großeltern profitieren von ihrem wichtigen Job als Enkel-Sitter. Forscher haben längst verkündet: Großeltern, die sich um ihre Enkel kümmern, leben länger. Beleg für diese Behauptung ist eine internationale Studie, an der unter anderem das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin beteiligt war. 20 Jahre lang wurden im Rahmen der sogenannten Berliner Altersstudie 500 Senioren beobachtet. Die Ergebnisse zeigten: Senioren, die Enkel oder Kinder betreuen, haben ein geringeres Sterberisiko. Eine Begründung: Kinder können den Stress der Großeltern reduzieren und sie gleichzeitig geistig fit halten. Hinzu kommt: Wer sich regelmäßig mit anderen Großeltern, Eltern und deren Kindern trifft, erweitert die eigenen sozialen Aktivitäten. Ein Punkt, der erwiesenermaßen das Sterberisiko verringert. Einer australischen Studie zufolge kann das Aufpassen auf die Enkelkinder zudem die kognitiven Fähigkeiten verbessern – und somit das Risiko für Demenz und Alzheimer verringern.

Wenn zwei sich freuen, freut sich der Dritte mit

Passt die erste auf die dritte Generation auf, entstehen also zahlreiche Vorteile. Und das gilt erst recht für die mittlere Generation: Die Eltern wissen ihre Kinder in liebevollen, vertrauten Händen. Befinden sich die Großeltern bereits im Ruhestand, sind sie uhrzeitlich zudem deutlich flexibler als Babysitter, die zur Schule oder in die Uni gehen. Und: Oma oder Opa betreuen in der Regel auch ein krankes Kind – anders als die meisten Babysitter. Stundentechnisch kommt da ganz schön was zusammen: Fast vier Milliarden Stunden Betreuungszeit wenden die 21 Millionen Großeltern in Deutschland jährlich für ihre Enkelkinder auf. Diese Zahl hat Andreas Reidl vom Portal grosseltern.de aus Angaben des Deutschen Zentrums für Altersforschung berechnet. Werden Oma oder Opa ganz offiziell für die Betreuungsstunden bezahlt, kann diese Leistung wie jeder andere Babysitter-Dienst übrigens steuerlich geltend gemacht werden.

Gebrechliche Großeltern? Alles Märchen!

Klar ist: Die Rolle der Großeltern hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Die Menschen werden immer älter und in Deutschland im Schnitt bereits mit Anfang 50 das erste Mal zu Großeltern. Das ist sehr früh und sie sind in der Regel noch fit genug, sich in der Enkelbetreuung aktiv einzubringen. Weiße Haare, klapprige Zähne und ein Krückstock: So, wie wir Omas und Opas aus den Märchenbüchen kennen, sehen sie in der heutigen Realität einfach nicht mehr aus.

Großeltern sollten ihre eigenen Grenzen kennen

Und dennoch: "Viel hilft viel“ ist bei allen positiven Betrachtungsweisen nicht das richtige Prinzip. Denn wenn ältere Menschen sich übernehmen und durch ihre Aufgaben unter Stress geraten, kehrt sich der positive Gesundheitseffekt ins Negative um. Auch ein Konkurrenzdruck zwischen den verschiedenen Bezugspersonen der Kinder kann zu negativem Stress führen – nicht nur bei den Erwachsenen, sondern gerade auch bei den Kindern: "Befürchten Eltern zum Beispiel, durch die Großeltern ‘ausgestochen‘ zu werden, merken Kinder das schnell. Dies kann zu Schuldgefühlen, Wut oder Rückzug führen – gegenüber Eltern oder Großeltern", erklärt Dr. Oliver Dierssen.

Enkel gut, alles gut? Ganz so einfach ist es nicht!

Am besten geht es also allen drei Generationen, wenn sich die Großeltern in einem Maße um ihre Enkelkinder kümmern, das ihnen selbst guttut und Freude bereitet – und Eltern und Großeltern eine gemeinschaftliche Erziehung ohne Konkurrenzkampf anstreben. Gelingt das, können die (Enkel-)Kinder nur davon profitieren, dass sie neben Mama und Papa auch Oma und Opa an ihrer Seite wissen.

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Unser Experte:

Dr. Oliver med. Dierssen ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Er gehört zur Leitung der Praxis "Kinder- und Jugendpsychiater Gehrden" (kjp-gehrden.de). Unter twitter.com/KJPGehrden schreibt er zu den Themen Psychotherapie, Erziehung, Kindeswohl und Psychopharmakologie.

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Unsere Expertin:

Sonia Harders-Weber ist dreifache Mutter. Großeltern haben ihre Jungs nur in der Theorie, ein liebevoller Umgang mit Oma oder Opa blieb ihnen verwehrt. Für enkellose Senioren und Familien, denen es ähnlich geht wie ihrer, gründete sie lend-grand.de – Deutschlands erstes Vermittlungsportal für Leih-Großeltern.

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Unsere Autorin

Silke Schröckert

Silke Schröckert wollte Journalistin werden, seit sie im Alter von acht Jahren das erste Mal Lois Lane in "Superman" gesehen hatte. Mit 23 wurde sie Chefredakteurin eines Kinderzeitschriftenverlages.

Heute ist Silke spezialisiert auf Familienthemen und textet für Kinder- und Comic-Magazine. Das freut vor allem Sohn Tom und Tochter Mina. Auf ihrer eigenen Seite schreibt sie für die Generation Großeltern. Bei leben-und-erziehen.de nimmt sie sich aktuellen Themen aus Sicht einer Zweifach-Mama an.

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