Aus dem Buch "Gemeinsam aus dem Mamsterrad"

Hilfe, mein Kind ist mit NICHTS zufrieden!

Oh du schöne Weihnachtszeit: Überall gibt es kleine Geschenke, gemütliche Rituale, Eltern lassen sich vom DIY-Adventskalender bis zu täglichen Wichtelgeschichten und dem großen Geschenke-Finale an Weihnachten eine Menge einfallen, um für den richtigen Weihnachtszauber zu sorgen. Doch euer Kind ist nur am Schimpfen, findet alles blöd – was dahinter steckt und wie ihr diese Phase gemeinsam übersteht ...

Die Eltern geben sich so viel Mühe im Advent, doch das Kind ist nur unzufrieden ...
© Getty Images/MN Studio
Die Eltern geben sich so viel Mühe im Advent, doch das Kind ist nur unzufrieden ...

"Irgendwie ist mein Kind gerade mit nichts zufrieden. Eigentlich soll die Adventszeit doch schön sein, wir machen es uns gemütlich, es darf mehr genascht werden als sonst, überall gibt es kleine Überraschungen und trotzdem habe ich das Gefühl, es meckert nur. Das endet ständig in Wutanfällen, langsam weiß ich nicht mehr weiter. Was kann ich denn da machen?"

Das kennen sicher viele Eltern, besonders jetzt in der Weihnachtszeit. Da geben wir uns so viel Mühe für unsere lieben Kleinen und was ist der Dank? Gemecker, Trotzanfälle und dicke Wuttränen – natürlich meistens gerade dann, wenn wir es am wenigsten "gebrauchen" und ruhig begleiten können, etwa vor dem Süßigkeitenregal im Supermarkt.

Die Autorinnen von "Gemeinsam aus dem Mamsterrad: Wie ihr es schafft, euren stressigen Alltag mit mehr Leichtigkeit zu meistern" geben in ihrem Buch Tipps, wie ihr Phasen wie diese meistert, euer Kind verstehen lernt und selsbt gelassener bleiben könnt. 

Kinder wissen nicht, dass es einen Plan B für ihre Gefühle gibt

Kinder agieren in ihren ersten Lebensjahren hauptsächlich über Impulse und Emotionen. Das bedeutet, dass dein Kind bei einem Trotz- bzw. Wutanfall gar nicht anders reagieren kann – es ist "gefangen" in seinen es nahezu überrollenden, heftigen Emotionen und verfügt noch nicht über die Kompetenz, rationale Sichtweisen zu verstehen oder danach zu handeln.

Wir Erwachsenen hingegen haben das ausschließliche Leben in der Gefühlswelt verlernt, weil wir uns im Laufe unseres Lebens Strategien angeeignet haben, die uns aus unliebsamen Situationen heraushelfen. Wo es selbst uns aber manchmal schwerfällt, eine passende Alternative zu einem Gefühlsausbruch zu entwickeln, wissen Kinder noch nicht einmal, dass es so etwas wie einen Plan B überhaupt gibt. Du weißt schon: Kinder leben im Hier und Jetzt, die Fähigkeit der Weitsicht über den aktuellen Moment hinaus entwickelt sich erst noch, und auch das Handwerkszeug, entsprechend zu reagieren. Hinzukommt, dass Kinder zum einen oft noch gar nicht verstehen, was da gerade genau mit ihnen passiert, weil sie Gefühle wie beispielsweise Wut oder Scham nicht genau zuordnen können. Zum anderen sind sie selten schon in der Lage, ihre Probleme in für alle verständliche Worte zu fassen. Je kleiner dein Kind ist, desto hilfloser ist es daher auch.

Übrigens ist ein Gefühlsausbruch wie ein Trotzanfall auch für dein Kind immens anstrengend, denn es erlebt die Wut nicht nur mental, sondern spürt sie auch körperlich. Das, in Verbindung mit seiner Überzeugung, dass jetzt alles aus ist und es mit Sicherheit nie wieder Schokolade gibt, zehrt enorm an seinen Kräften.

Unser Gehirn ist in Stresssituationen auf "Notfall" programmiert

Ein Kleinkind, das von seinen Emotionen überrollt wird, kann wahnsinnig anstrengend sein, vor allem, weil uns der "normale alltägliche Wahnsinn" oft ohnehin schon immens viel abverlangt. Wir stehen also dauerhaft unter Strom, und unsere Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Das hat zur Folge, dass unser Körper vom Stresshormon Cortisol überflutet wird, welches nicht mehr ausreichend abgebaut werden kann. Die dringend notwendige Entspannung bleibt aus.

Wenn wir derart unter Stress stehen, ist unser Gehirn komplett auf "Notfall" programmiert. Das heißt, wir sind in diesem Zustand gar nicht in der Lage, Mitgefühl zu empfinden. Beim Zusammenleben mit einem Kleinkind stellt diese (Nicht-)Gefühlsbasis eine besonders schwierige Herausforderung dar, denn abgesehen davon, dass es uns in entspanntem Zustand deutlich besser ginge, könnten wir auch unser Kind einfühlsamer begleiten und ihm somit leichter aus seiner Wutfalle heraushelfen. Hinzukommt, dass in einem Supermarkt, wie in unserem Beispiel, selten Verbündete zu finden sind. Und unsere Schwachstelle, uns von der Meinung anderer abzuschirmen, fällt uns extrem auf die Füße. Selbst, wenn es nur Blicke sind, die wir interpretieren. Der enorme Druck, den wir spüren, wächst weiter und damit auch unsere innere Anspannung und der Wunsch, diese unangenehme Situation möglichst schnell wieder in den Griff zu bekommen. Wir nehmen das Verhalten unseres Kindes persönlich und fühlen uns angegriffen und nicht gehört, wenn es auf unsere Bitten und Lösungsvorschläge nicht reagiert. Das Gefühl, dem Bild der guten Mutter mal wieder nicht gerecht zu werden, kriecht langsam unseren Nacken hoch, und wir verurteilen uns dafür.

Der Schokoriegel ist das Symptom, nicht der Auslöser

Viele Mütter sind aus eigener Prägung heraus versucht, unangenehme Gefühle schnellstmöglich zu beseitigen, denn die hatten, als wir klein waren, selten Raum. Gib deinem Kind aber die Chance, all seine Gefühle spüren zu dürfen, sie zu begreifen und verarbeiten zu lernen. Hilf ihm, seine Gefühle kennenzulernen, indem du sie benennst und ihm damit hilfst, sie zu erkennen und einzuordnen.

Mit einem authentischen und der Situation angepassten "Puh, du bist aber wütend, das kann ich richtig sehen!", spiegelst du dein Kind, es fühlt sich verstanden und ernst genommen. Es verspürt nicht mehr den Drang, dich von seiner Misere überzeugen zu müssen, sondern merkt, dass du es verstehst. Denke wieder daran: Was du sehen (und vermutlich auch ziemlich gut hören!) kannst, sind nur die Symptome, der Schokoriegel ist kein Bedürfnis, sondern nur der Auslöser. Überlege, welche (unbefriedigten) Bedürfnisse sich tatsächlich dahinter verbergen könnten – nach einem anstrengenden Tag im Kindergarten sind das vermutlich Ruhe oder Nähe. Dann denke darüber nach, wie du diese Bedürfnisse grundsätzlich besser erfüllen kannst als mit einem Schokoriegel und wie du reagieren möchtest, wenn "das Kind nun schon einmal in den Brunnen gefallen ist". Es geht also gar nicht darum, deinem Kind jeden spontanen Wunsch von den Augen abzulesen und ihn zu erfüllen, sondern darum, seine grundlegenden Bedürfnisse zu (er-)kennen und diese wahrzunehmen. Du wirst deinem Kind damit helfen, später selbst gut auf sich und seine Bedürfnisse achten zu können.

Nimm die Wut deines Kindes nicht persönlich. Es möchte dich nicht vorführen oder gegen deinen Wunsch handeln, es kennt schlichtweg keine Alternative. Direkt in der Situation hilft wahrscheinlich nur eins: Atme tief durch, bleib bei dir und deinem Kind, lass die Leute reden und klopfe dir selbst auf die Schulter, denn das, was du da gerade durchmachst, ist nicht ohne. Überlege dir in einem ruhigen Moment Strategien, wie du zukünftig in diesen Situationen reagieren möchtest, und hadere nicht mit dir, wenn es nicht auf Anhieb klappt. Du hast jeden Tag die Chance, es neu zu versuchen. 

Übrigens: Ist dir schon einmal aufgefallen, dass du mit einem Wutanfall deines Kindes wahrscheinlich viel besser umgehen kannst, wenn es dir selbst gut geht und du tagsüber gut auf dich achten konntest?

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