Kopf hoch, Kleines!

Wie Kinder lernen, mit Enttäuschungen umzugehen

Es tut weh, wenn unsere Kinder unter Niederlagen leiden – auch wenn klar ist, dass Enttäuschungen zum Leben dazugehören. Wir haben mit einem Psychologen darüber gesprochen, wie wir unseren Kindern beistehen, Mut machen und den Rücken stärken können.

Mit Enttäuschungen klarzukommen, ist für kleine Kinder nicht immer leicht.
© Foto: Getty Images/Jose Luis Pelaez Inc
Mit Enttäuschungen klarzukommen, ist für kleine Kinder nicht immer leicht.

Oft sind es schon die kleinen Dinge im Leben unserer Kids, die sie emotional aus der Bahn werfen. "Sie sind frustriert und enttäuscht, wenn ein Bedürfnis und die Hoffnung auf seine Erfüllung sich nicht realisiert", erklärt Diplom-Psychologe Andreas Engel, "zum Beispiel, wenn sie in der Kita mal keinen Spielkameraden finden, die Eltern nichts Interessantes mit ihnen unternehmen oder sie im 'Mensch ärgere dich nicht' verlieren".

Das aktuelle Drama ist bei Kindern immer das Schlimmste. Doch um die Dinge in einen großen Kontext einzuordnen, fehlt es ihnen an Lebenserfahrung, weshalb sie oft überfordert sind und überreagieren. "Säuglinge drücken ihre Emotionen noch prompt, direkt und ungefiltert aus", weiß der Erziehungsberater. "Aber schon in den ersten Jahren entstehen anhand von Erfahrungen Strategien, mit Enttäuschungen umzugehen, z. B. das Selbst-Beruhigen mit Schnuller oder einem Kuscheltier. Mit der Sprachentwicklung kommen weitere Kompetenzen hinzu, sich verständlich zu machen, sich Hilfe zu holen oder sich zu trösten." Kleinkinder lernen durch Versuch und Irrtum.

Ab dem zweiten Lebensjahr werden ihre eigenen Erfolgserlebnisse im Alltag wichtig, wobei ihr Drang zur Selbstständigkeit jetzt größer ist als ihr Geschick. Klar gelingt es besser, wenn Mama ihrem Kleinen fix die Schuhe anzieht, das Glas Milch eingießt oder den Turm aus Bauklötzen fertig baut. Mit etwas Geduld und Übung hätte ihr Sohn es aber auch selbst geschafft – und so sein Erfolgserlebnis gehabt.

Tiefschläge sind wichtige Erfahrungen

Auch wenn wir fürchterlich mitleiden: Wir können unsere Kinder nicht vor Niederlagen bewahren. Erfahrungen sind da, um gemacht zu werden – und auch Tiefschläge geben Feedback. Experten wissen, dass Überbehütung Kinder entmutigt, da sie nur wenig Vertrauen in ihre Fähigkeiten entwickeln. Ob sie sich wie gelähmt fühlen oder zu neuen Taten motiviert, hängt nicht nur vom Charakter und den Umständen ab, sondern liegt auch an der Übung, mit Enttäuschungen umzugehen. Kinder müssen lernen: Wenn sie ein Fußballspiel verlieren oder der Schuh sich einfach nicht alleine zubinden lässt, ist das kein Drama. 

Jetzt heißt es weiter anstrengen und dranbleiben. Etwas zu unterlassen, weil man denkt, es sowieso nicht zu schaffen, vermeidet zwar Niederlagen und Frust, jedoch bekommen Kinder so auch kein Gespür dafür, was sie selbst bewirken können.

Verständnis zeigen – und alternative Erfolge fördern

Niederlagen bei Kita- und (Vor-)Schulkindern haben meist mit sozialen Beziehungen, Anerkennung und dem Selbstwertgefühl zu tun. Zieht der beste Freund weg oder fühlt euer Kind sich nicht richtig von seiner Peergroup akzeptiert, solltet ihr solche Tiefschläge ernst nehmen. Ein Kind sollte zur Verarbeitung ruhig Dampf ablassen, weinen und schmollen dürfen. Trost, viel Verständnis, Ermunterung zu neuen Erfahrungen und eine Extra-Kuscheleinheit tun den Kleinen jetzt besonders gut. Gedanken wie "Ich schaffe das nie!" oder "Keiner mag mich!" könnt ihr relativieren, indem ihr euren Kids anhand anderer Erfolgserlebnisse vor Augen führt, dass alles halb so wild ist. "Hier liegen zwei Geburtstagseinladungen für dich – natürlich mögen die anderen Kinder dich!" Zur Überwindung von Enttäuschungen und Selbstzweifeln einen Kletterparcours zu bewältigen oder alleine bei der Tante zu übernachten können echte Erfolgserlebnisse sein.

Das kindliche Selbstvertrauen stärken

Um für Niederlagen und Misserfolge gewappnet zu sein, gilt es, das kindliche Selbstvertrauen zu stärken. "Eltern sind prägende Vorbilder im Umgang mit Gefühlen. Sie können auf der Grundlage eines positiven Familienklimas einen offenen, differenzierten und feinfühligen Umgang mit ihren eigenen Emotionen und denen des Kindes vorleben. Dabei ist das Wahrnehmen und Benennen von Emotionen wichtig sowie das Gespräch über die vermuteten Auslöser der Enttäuschung", betont Psychotherapeut Engel. Kindern das Gefühl zu geben, dass sie bedingungslos wertvoll und liebenswert sind, stärkt ihr Selbstvertrauen. Im Umgang mit Niederlagen eine gewisse Gelassenheit an den Tag zu legen hilft ihnen zudem, diese einzuordnen. Ist es umgekehrt und seid ihr als Eltern enttäuscht von eurem Kind, gilt dem Experten zufolge: "Alle Gefühle darf man haben, aber nicht jedes Verhalten ist okay. Eltern sollten sich darüber klar werden, von welcher Handlung des Kindes sie ganz konkret enttäuscht sind und welche Rückmeldung für das Kind und die Beziehung hilfreich sein könnte. Meist ist dann der richtige Weg, das anzuerkennen, was schon gelingt."

Zeit, ein sicherer Rahmen und Aufmerksamkeit helfen

Extreme Enttäuschungen erleben Kinder dann, wenn etwa die Eltern sich trennen oder der Hund stirbt. "Solch gravierende Verluste gleichen anderen traumatischen Erfahrungen", weiß der Psychologe. "Kinder brauchen dann Hilfe dabei, ihr Erleben, ihre Befürchtungen und Gefühle auszudrücken – sprachlich, bildlich und im Spiel. Dazu benötigen sie einen sicheren Rahmen, viel Zeit und die ungeteilte Aufmerksamkeit eines Sicherheit gebenden Menschen. Schon Vorschulkinder können mit dieser Unterstützung innere Lösungen für ihren Kummer entwickeln."

Schließlich stellt sich die Frage, ob viele Tiefschläge im Leben besonders stark machen. "Erfahrungen mit Enttäuschungen und Niederlagen gehören unvermeidbar zum Leben. Sie helfen uns, die Grenzen unserer eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten sowie anderer Menschen und gesellschaftlicher Bedingungen realistischer einzuschätzen", resümiert Engel. "Wir brauchen aber auch jede Menge Mut machende Erfahrungen, um eine Haltung von Hoffnung und Optimismus zu entwickeln."

Autorin: Antonia Müller

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