Ohne Schmerzmittel

Eine Geburt ohne Schmerzen – ist das wirklich möglich?

Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein: Tatsächlich aber gibt es Gebärende, die bei der Geburt keine oder kaum Schmerzen empfinden. Unsere Autorin hat den Beweis in der eigenen Familie – und sich auf die Suche nach Erklärungen für dieses Phänomen gemacht.

"Du hast doch gesagt, das tut so weh." Ich werde diesen Satz nie vergessen. Meine Schwester Meike sagte ihn am Telefon zu mir. Fast vorwurfsvoll klang er. Als hätte ich unnötige Panik verbreitet. Das, was so wehgetan hatte, waren die Geburten meiner beiden Kinder. Und um ehrlich zu sein: Ich hatte Meike nur die zensierte Fassung meiner Geburtserfahrungen geschildert. Schließlich wollte ich ihr keine Angst machen vor dem, was sie noch vor sich hatte.

"Ich habe nur ein Piken gespürt"

Nun war es so weit: Meike hatte am Tag zuvor ihre Tochter zur Welt gebracht. Ohne PDA. Ohne Schmerzzäpfchen. Ohne alles. Als sie am Telefon diesen denkwürdigen Satz zu mir sagte, dachte ich erst, sie scherzt. Und dass wir gleich gemeinsam losfluchen werden über die Ungerechtigkeit des Fortpflanzungssystems unserer Spezies. Dass wir unsere Männer verteufeln würden, weil wir durch diesen Horror gehen mussten und sie nicht. Doch meine Schwester lachte nicht. Sie meinte es todernst. Und fuhr fort: "Ich habe irgendwie ein Stechen, nein eher ein Piken im Rücken gespürt. Aber ich hab nicht geschrien oder so." Mit jedem ihrer Sätze wuchs meine Fassungslosigkeit. "Das war bei dir dann wohl einfach anders", schloss sie ab – unschuldig und glücklich-ahnungslos.

Jede Geburt ist anders. Aber SO anders? Ich habe geschrien während der Geburten meiner Kinder. Ich habe mit der Faust in die Wand geschlagen, bis meine Fingerknöchel blutig waren. Ich habe mich übergeben vor Schmerz. Ohne nachzudenken kann ich behaupten: Das, was ich im Kreißsaal erlebt habe, sind bis heute die schlimmsten körperlichen Schmerzen meines Lebens gewesen.

Wer im Vorfeld große Angst hat, ist empfindsamer

"Das Schmerzempfinden aller Menschen ist sehr unterschiedlich", erklärt Dr. Kai Bühling. "Es hängt einerseits von den körperlichen Gegebenheiten ab", weiß der Gynäkologe, der bereits über 3.000 Geburten betreut hat. Andererseits werde die Schmerzintensität aber auch durch innere, emotionalere Faktoren beeinflusst, erläutert Dr. Bühling weiter: "Wenn beispielsweise die Freude über die Geburt sehr hoch ist, kann die Empfindsamkeit deutlich geringer sein." Anders als zum Beispiel bei werdenden Müttern, die von vornherein große Angst vor dem Geburtsvorgang verspüren.

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Unser Experte

Prof. Dr. Kai Bühling ist Frauenarzt mit Privatpraxis in Hamburg-Blankenese, Professor am Universitätsklinikum Eppendorf und Vater von drei Kindern. Seine Schwerpunkte sind die gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin sowie die Pränataldiagnostik.

Ist eine schmerzfreie Geburt nur eine Frage der Einstellung?

Als Erklärung reicht mir das noch nicht. Schließlich habe auch ich mich auf die Geburten meiner Kinder gefreut. Also mache ich mich auf die Suche nach weiteren Müttern, die ihre Kinder schmerzfrei geboren haben – und lerne Sonja kennen. Die 47-Jährige verbindet die Erinnerungen an die Geburten ihrer Kinder nicht mit Schmerzen, höchstens mit Anstrengung: "Dein Geist ist stärker als dein Körper – das habe ich schon in meiner Tanzausbildung gelernt", erzählt mir die dreifache Mutter. "Ich bin in die Geburten gegangen voller Vertrauen in meinen Körper. Und mit der Gewissheit: Ich habe Kraftreserven, an die ich erst rankomme, wenn ich sie brauche."

Diese Einstellung half. "Der Wehenschreiber schlug ungewöhnlich stark aus", erinnert sich Sonja an die Geburt ihres ersten Kindes. "Eine Hebamme rief mir zu: 'Das können Sie doch gar nicht aushalten!'" Doch Sonja musste nichts aushalten: Sie empfand die Wehen einfach nicht als sehr schmerzhaft. "Ich habe zu keinem Zeitpunkt gedacht: Bitte gebt mir Schmerzmittel! Das war nicht nötig." Eine PDA hat Sonja bei dieser Geburt dennoch bekommen – nach fast 46 Stunden aktiver Wehen. "Ich wollte das nicht", erzählt sie lachend, "aber die Hebamme meinte, mein Mann würde es nicht länger aushalten."

Welche Rolle spielt die Größe des Kindes?

"Ein kleines Kind verursacht durchschnittlich sicher weniger Schmerzen als ein sehr großes Kind", nennt Dr. Bühling einen weiteren Faktor für das unterschiedliche Schmerzempfinden. Im Falle meiner Schwester trifft die Theorie zu: Ihre Tochter kam vier Wochen zu früh und war dementsprechend klein. Doch Sonjas zweites Kind wog bei der Geburt 4,2 Kilogramm. "Natürlich hatte ich Presswehen, und natürlich tun die irgendwie auch weh", berichtet Sonja. Doch als ihr Sohn auf der Welt war, war ihr erster Gedanke: "Das war’s jetzt schon?" Entgegen der medizinischen Erfahrung, dass große Kinder bei der Geburt mehr Schmerzen verursachen, bezeichnet Sonja diese Geburt als ihre leichteste.

Geburt ohne Schmerzen – die Gene sind Schuld

Eine Studie der University of Cambridge lieferte im Juli 2020 eine wissenschaftliche Erklärung für das Phänomen der schmerzfreien Geburt: Die Autoren der Studie konnten bei Frauen, die wenig oder keinen Geburtsschmerz empfanden, eine seltene Variante des Gens KCNG4 nachweisen. Dieses Gen produziert ein Protein, das für die Weiterleitung von Schmerzsignalen an das Gehirn mitverantwortlich ist. Der Genfehler stört jedoch diese Weiterleitung – und das wirke wie eine natürliche PDA. Nicht nur unter der Geburt, sondern ein Leben lang: Frauen mit diesem Gendefekt haben grundsätzlich eine höhere Schmerztoleranz.

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Genfehler oder einfach Glück?

Ich frage meine Schwester, ob sie grundsätzlich eher schmerzunempfindlich ist. "Woher soll ich das wissen?", ist ihre Antwort. "Ich weiß doch nicht, wie andere Schmerz empfinden." Recht hat sie. Ob sie und Sonja wirklich diesen dankbaren Gendefekt haben? Leider kann das nicht mal eben beim Hausarzt getestet werden. Aber vielleicht kann man ganz unabhängig vom Gendefekt etwas tun, um Körper (und Geist) für eine schmerzfreie Geburt zu "trainieren"?

"Ich denke, nicht wirklich", ist die ernüchternde Antwort von Dr. Kai Bühling. Er empfiehlt eher eine umfangreiche Vorbereitung – nicht nur auf die Geburt an sich, sondern explizit auf die damit verbundenen Schmerzen: "Viele Frauen sind noch immer sehr überrascht von der Intensität der Geburtsschmerzen", so der Gynäkologe. "Ich finde es deshalb wichtig und hilfreich, dass sie sich im Vorweg informieren und wissen, dass es gute Methoden gibt, den Schmerz zu bekämpfen, zum Beispiel durch eine PDA. Das heißt nicht, dass man dies machen muss! Mir ist aber wichtig klarzustellen, dass der Wunsch nach einer PDA in keiner Weise damit zusammenhängt, ob man 'Frau' ist oder nicht. Dies sollte sich keine Schwangere einreden lassen."

Auch mit Schmerz: Du schaffst das!

Mir wurde mittlerweile von meiner Zahnärztin bestätigt, dass ich eine überdurchschnittlich schmerzempfindliche Patientin sei. Das Wort "Weichei" wollte sie vermeiden. Hat es dann aber doch ausgesprochen. Falls ihr das hier also gerade lest und das große Abenteuer Geburt noch vor euch habt: keine Sorge! Selbst ich Weichei habe es geschafft – und würde mich immer wieder dafür entscheiden. Und wer weiß: Vielleicht geht es euch ja auch wie Meike und Sonja ...

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Unsere Autorin

Silke Schröckert

Silke Schröckert wollte Journalistin werden, seit sie im Alter von acht Jahren das erste Mal Lois Lane in "Superman" gesehen hatte. Mit 23 wurde sie Chefredakteurin eines Kinderzeitschriftenverlages.

Heute ist Silke spezialisiert auf Familienthemen und textet für Kinder- und Comic-Magazine. Das freut vor allem Sohn Tom und Tochter Mina. Auf ihrer eigenen Seite schreibt sie für die Generation Großeltern. Bei leben-und-erziehen.de nimmt sie sich aktuellen Themen aus Sicht einer Zweifach-Mama an.

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