Die Seele heilen lassen

Geburtstrauma: "Ich kann die schlimme Geburt nicht verarbeiten"

Eine schwere Geburt kann durch vielerlei Ursachen tiefe Narben hinterlassen – bei der Mutter, aber auch beim Baby oder dem Partner. Unsere Expertin erklärt, worauf es dann ankommt …

Ein Geburtstrauma ist eine seelische Verletzung, die Betroffene aufarbeiten sollten.
© Foto: iStock/gaiamoments
Ein Geburtstrauma ist eine seelische Verletzung, die Betroffene aufarbeiten sollten.

Wer seine Geburt als besonders schwer und dramatisch erlebt hat, der erinnert sich hinterher nicht gerne an dieses Ereignis zurück und leidet womöglich unter einem Geburtstrauma. Und das, obwohl es ja eigentlich einer der schönsten Tage im Leben sein sollte. Vielmehr versuchen Betroffene das Geschehene zu vergessen und verdrängen ihre negativen Gefühle in irgendeine abgelegene Ecke ihres Herzens. Auch nach einigen vergangenen Monaten, können die Erinnerungen an die Entbindung des eigenen Kindes noch sehr schmerzen. Die Folgen? Beispielsweise Depressionen oder Panikattacken.

Übrigens: Durch den "Roses Revolution Day" am 25. November sollen jährlich die wichtigen Themen "Gewalt bei der Geburt" und "Geburtstrauma" allgemein stärkere Aufmerksamkeit erlangen. Denn, ja, auch hierbei handelt es sich um eine Art Tabuthema. Viele Frauen trauen sich nicht, darüber zu reden. Wichtig: "Ein Trauma ist nie ein Zeichen von Schwäche, sondern vielmehr ein Ausdruck unseres individuellen Empfindens und Verarbeitens", so sagt unsere Expertin und Trauma-Coach Beatrice von Bernuth (traumafrau.com).

Wann genau spricht man von einem Geburtstrauma?

Ganz allgemein gesagt: "Ein Trauma ist eine seelische Verletzung. Diese entsteht durch das Erleben einer extremen Ausnahmesituation", sagt Expertin Beatrice von Bernuth. "Unser Gefühl von Sicherheit im eigenen Körper und im sozialen Umfeld wird durch ein traumatisches Ereignis massiv verletzt." Jeder Mensch nehme Situationen, Gefühle, Schmerzen und somit auch die Geburt eines Kindes individuell wahr. Traumatisch ist eine Geburt dann, wenn die werdende Mutter währenddessen etwas erlebt, was für sie physische oder psychische Gewalt darstellt. Und diese das für sie verkraftbare Ausmaß übersteigt.

Der Verein Schatten & Licht aus Augsburg spricht von rund 100.000 Frauen, die jedes Jahr von sogenannten peripartalen psychischen Erkrankungen betroffen sind. Dieser Verein hilft betroffenen Frauen unter anderem im Zusammenhang mit durch die Geburt hervorgerufenen psychischen Erkrankungen weiter.

Das sind mögliche Ursachen eines Geburtstraumas

Die Ursachen können zum Beispiel im Verlauf der Geburt liegen. Wenn es also beispielsweise zu einer unerwarteten Frühgeburt kommt, unerwartete Komplikationen auftreten, die zu einem ungeplanten Kaiserschnitt führen, ein sehr schneller oder auch sehr langsamer Geburtsverlauf, unerträgliche Schmerzen, Todesangst während der Geburt oder auch eine unsensible Begleitung anwesender Personen. Auch Komplikationen nach der Geburt können traumatisch empfunden werden, beispielsweise eine Erkrankung des Babys oder starke Blutungen.

Hier mögliche Ursachen im Überblick:

  • Frühgeburt
  • Geburtskomplikationen
  • Ungeplanter (Not-)Kaiserschnitt
  • Sehr langsame oder schnelle Geburt
  • Extreme Schmerzen
  • Todesangst
  • fehlende Empathie der anwesenden Personen
  • Komplikationen nach der Geburt (z. B. Erkrankung des Babys, Probleme mit der Nachgeburt, Notoperationen oder starke Blutungen)

Symptome: Wie äußert sich ein Geburtstrauma?

Frauen, die sich nach einer schlimmen Geburt schlecht fühlen, fragen sich wahrscheinlich: Woran merke ich denn, dass ich von einem Trauma betroffen bin? Expertin Beatrice von Bernuth sagt: "Manche Frauen spüren direkt und unmittelbar, dass sie unter den Eindrücken der Geburt leiden. Die Erinnerungen an die Geburt sind dann oft stark belastend." Das zeige sich in Form von …

  • Trauer,
  • emotionaler Betäubung oder
  • Verlustgefühlen.

Auch eine Wochenbettdepression könne die Folge einer traumatischen Geburt sein. "In anderen Fällen verdrängen die Betroffenen diese traumatische Erfahrung, sodass sich die Symptome erst Monate oder Jahre später zeigen", so der Trauma-Coach weiter.

Die Symptome können unterschiedlich ausfallen: "Manche erleben durch bestimmte Auslöser – auch "Trigger" genannt – ungewollt die belastende Situation in Teilen immer wieder. Solche Trigger können bestimmte Geräusche oder Gerüche, aber auch Sätze sein." Weitere mögliche Symptome eines Geburtstraumas sind:

  • erhöhte Wachsamkeit
  • Schreckhaftigkeit
  • Schlafprobleme
  • Konzentrationsprobleme
  • (Wochenbett-)Depressionen
  • Angst- und Panikattacken

Kann auch der Partner vom Geburtstrauma betroffen sein?

Was beim Thema Geburtstrauma ebenso wichtig zu erwähnen ist? "Auch die begleitenden Partner/Väter können unter den Eindrücken einer miterlebten Geburt leiden und traumatisiert sein", erklärt die Expertin. Bei ihnen spiele mitunter der Aspekt eine Rolle, dass sie "nur" zusehen und nicht helfen können. Sie haben oftmals das Gefühl, der Situation ausgeliefert zu sein.

Geburtstrauma beim Baby: Kinder UND Erwachsene können Spätfolgen erleiden

Auch Babys können den Geburtsvorgang als belastend und traumatisch abgespeichert haben. "Der Weg hinein ins Leben ist für sie erst mal mit Stress verbunden. Ist die erschwert, dann können sich in der Folge verschiedene Symptome zeigen, zum Beispiel vermehrtes Weinen und Schreien, (Ein-)Schlafauffälligkeiten oder Probleme beim Stillen", so die Trauma-Expertin. Auch eine erhöhte Sensibilität gegenüber bestimmten Berührungen oder Geräuschen kann sich bemerkbar machen. "Die Bindungsfähigkeit zur Mutter oder anderen Bezugspersonen kann belastet sein." Manche dieser besonderen Verhaltensweisen können bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben.

Beeinflusst ein Geburtstrauma die Mutter-Kind-Bindung?

Ein schwieriger Geburtsverlauf bzw. ein Geburtstrauma kann die Mutter-Kind-Bindung gerade in den ersten Wochen und Monaten stark beeinflussen. Der Mama fällt es mitunter schwer, sich emotional dem Baby zu widmen und zuzuwenden. "Das belastet zusätzlich und viele sehen sich dann als 'schlechte Mutter', weil sie das Gefühl haben, nicht genügend für ihr Kind da zu sein, es nicht lieben zu können", führt von Bernuth aus. Auch deswegen sei es sinnvoll, sich rasch und frühzeitig Hilfe zu holen.

Ein unbearbeitetes Geburtstrauma könne ihr zufolge auch dazu führen, dass Frauen aus dieser Erfahrung heraus von einer weiteren Schwangerschaft absehen (wollen). Oder in der nächsten Schwangerschaft all die verdrängten Erfahrungen und Eindrücke wieder aufleben und erneut belasten.

So können Betroffene ihr Geburtstrauma aufarbeiten

Direkt nach der Geburt sind Hebammen, Ärzte (z. B. auch im Krankenhaus) oder der betreuende Frauenarzt die geeigneten Ansprechpartner. Außerdem gibt es in vielen Kliniken Psychotherapeuten, die mit den Betroffenen das Erlebte besprechen – und den Frauen kurz nach der Entbindung zur Seite stehen.

Dauert die Belastung länger an oder und treten einige der oben genannten Symptome auf, so sei es laut dem Trauma-Coach ratsam, sich professionelle Hilfe zu holen. "Es gibt viele verschiedene Ansätze und Methoden, Traumata zu behandeln. Ich persönlich wende bei meiner Arbeit eine besondere Technik an: TBT. Die TraumaBusterTechnique ist eine sanfte und nachhaltige Methode, sogenannte Schocktraumata in sehr kurzer Zeit – in den meisten Fällen reicht 1 Intensiv-Coaching – erfolgreich aufzulösen."

Geburtstrauma: KEIN Zeichen von Schwäche!

Abschließend ist es Beatrice noch ein Anliegen, Folgendes klarzustellen: "Ein Trauma ist niemals ein Zeichen von Schwäche ist. Sondern vielmehr ein Ausdruck unseres individuellen Empfindens und Verarbeitens. Für eine Person kann die Geburt des Kindes ein Ereignis sein, das sie als 'schwierige Geburt' ohne nennenswerte Folgen ablegen kann. Für eine andere Mutter kann der gleiche Geburtsverlauf ein traumatisches Erlebnis sein. Etwas, was ihr Leben unter Umständen auf den Kopf stellt und alles bisher Erlebte in den Schatten stellt. Ein Trauma ist so individuell wie wir Menschen."

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