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Lachgas bei der Geburt: Ein Schmerzmittel, das Frau selbst dosiert

Die meisten Frauen wünschen sich eine Geburt mit erträglichen Schmerzen. Es muss aber nicht gleich eine PDA werden. Eine Alternative kann Lachgas darstellen, das von der Schwangeren selbst dosiert wird. Eine Oberärztin für Geburtshilfe und Pränatalmedizin gibt einen Überblick.

Lachgas wird unter der Geburt per Maske eingeatmet und soll Schmerzen lindern.
© Foto: Getty Images/NataliaDeriabina
Lachgas wird unter der Geburt per Maske eingeatmet und soll Schmerzen lindern.

Was genau ist Lachgas?

Dr. Bettina Hollwitz, Oberärztin für Geburtshilfe und Pränatalmedizin am UKE Hamburg, erklärt uns: "Lachgas oder Stickoxidul ist ein wenig riechendes Gasgemisch aus Stickstoff und Sauerstoff, wie unsere normale Atemluft auch. Es wird aus Gewässern und Böden in die Atmosphäre abgegeben, aber vor allem bei Verbrennungsvorgängen und Düngemitteleinsatz in der Landwirtschaft freigesetzt. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts wurde von Chemikern die schmerzstillende und euphorisierende Wirkung von Lachgas entdeckt und es wurde regelmäßig als Narkosemittel verwendet. Seit 1878 wird es auch in der Geburtshilfe eingesetzt." Es handelt sich also durchaus um ein schon vielfach erprobtes Schmerzmittel und historisch gesehen sogar um das älteste Narkosemittel, das aber in den letzten Jahren durchaus etwas in Vergessenheit geraten ist.

... und warum eigentlich der Begriff Lachgas? Vermutlich, weil beim Einatmen oft Schluckauf entsteht, der leicht als Lachen wahrgenommen werden kann bzw. zu Lachen führen kann.

Warum ist Lachgas bei der Geburt in Deutschland nicht so üblich/bekannt wie eine PDA zum Beispiel?

"In der Allgemeinanästhesie spielt Lachgas heute kaum mehr eine Rolle, da es von moderneren Narkose-Gasen – den Fluranen – und intravenöser Anästhesie verdrängt wurde", erklärt uns die Oberärztin. "Da es aber schon immer vor allem seiner schmerzlindernden und hypnotisierenden Wirkung wegen geschätzt wurde, erinnerte man sich nach der Jahrtausendwende daran und es kam zu einer Renaissance des Lachgases als Analgetikum (Schmerzmittel) unter der Entbindung." 

Wie genau wird Lachgas verabreicht?

Hier kommt die Besonderheit: "Lachgas kann über eine Einmalgebrauch-Silikon-Maske aus einer mobilen Gasflaschen-Einheit von der Patientin selbstständig dosierend eingeatmet werden, zum Beispiel in der Eröffnungsphase beim 'Anfluten' der Wehe oder in der aktiven Austreibungsphase zwischen den Presswehen", erläutert Dr. Hollwitz. Früher kam es durchaus zu Lachgas-Überdosierungen bzw. damit einhergehenden Sauerstoff-Unterversorgungen. Die sind mittlerweile aber ausgeschlossen. Es wird nur in einer 50:50-Sauerstoff-Mischung an Gebärende abgegeben.

"Prinzipiell kann Lachgas auch mit anderen Schmerzmitteln bei der Geburt kombiniert werden", ergänzt die Expertin. "Insbesondere mit Opiaten (Morphinagonisten), deren Dosis zur Vermeidung einer Atemdepression limitiert ist.

Für welche Gebärenden ist Lachgas ratsam?

"Insbesondere bei einer schnellen, intensiven Geburt mit schneller Muttermundseröffnung, wie sie vor allem bei Mehrgebärenden auftritt, ist Lachgas zur Schmerzbekämpfung gut geeignet", berät Dr. Hollwitz. Es sollte natürlich vorab geklärt werden, ob eine Lachgasquelle überhaupt in der gewünschten Geburtsklinik vorhanden ist. "Die meisten geburtshilflichen Zentren haben, wenn überhaupt, nur eine Lachgasquelle", gibt die Oberärztin zu Bedenken. Ob die zum Einsatz kommt, kann zwar auch ganz spontan unter der Geburt entschieden werden, aber sie muss eben verfügbar sein. 

Zusammengefasst: Die Vorteile von Lachgas bei der Geburt

  • Es kann von der Schwangeren selbst dosiert werden. 
  • Es ist sehr schnell bereitgestellt.
  • Die Wirkdauer ist so kurz, dass man die Anwendung jederzeit unterbrechen oder abbrechen kann.

  • Das bewusste Atmen kann auch den Sauerstoffaustausch fördern und dem Fetus so guttun.

  • Es kommt zu keiner einschneidenden Veränderung der Geburtsdynamik.

  • Der Drang und die Kraft zum Pressen werden nicht beeinträchtigt.

Was sind die Nachteile? Gibt es Risiken bei der Gabe von Lachgas?

"Die schmerzstillende Potenz von Lachgas ist begrenzt. Die angstlösende Wirkung trägt zwar stark zur Schmerzlinderung bei, aber bei sehr starken Schmerzen ist die PDA potenter", so Dr. Hollwitz. 

Folgende für Hypnotika typische Nebenwirkungen können auftreten: 

  • Schwindel, Übelkeit, Halluzinationen (bei weniger als fünf Prozent der Anwendungen)

  • Bei gleichzeitig (zu) hoher Opiatdosierung könnte es zu einer Atemdepression kommen. Die Patientin muss kreislaufüberwacht sein.

  • Achtung, Kontraindikation! Bei einem Vitamin-B-12- oder Folsäure-Mangel könnte Lachgas Schäden an den Herzkranzgefäßen verursachen und sollte in diesen Fällen nicht verabreicht werden.

  • Nach heutigem Stand der Wissenschaft hat Lachgas keine negativen Effekte auf das (ungeborene) Baby. Die Datenlage ist allerdings noch dünn und weitere klinische Studien werden von Experten als notwendig erachtet. 
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