Sucht ihr noch – oder sammelt ihr schon?

Wenn Kinder sammeln ...

Stöcke & Steine, Kastanien & Kies: Herbst-Zeit ist Sammel-Zeit! Aber wieso macht das eigentlich (fast) allen Kindern so großen Spaß? Das wollte unsere Autorin genauer wissen – und hat einen Wissenschaftler gefragt, der dieses Phänomen untersucht.

In wohl keiner anderen Jahreszeit sammeln Kinder so viele Dinge wie im Herbst. Mit Begeisterung greifen die kleinen Hände nach Kastanien, Eicheln, bunten Blättern und tragen die Schätze eimerweise nach Hause. Dort werden die Naturalien – häufig nach einem elterlichen Vorschlag – zum Basteln genutzt, ebenso oft aber auch einfach behalten. Genauso wie die Muscheln aus dem Sommerurlaub, die Stöcke aus dem Wald und die zahllosen Steine, die zumindest meine Kinder bei jedem noch so kurzen Fußweg vom Boden klauben und unbedingt behalten wollen. Nur die schönsten natürlich. Wobei Schönheit ja bekanntlich im Auge des Betrachters liegt.

Wird die Menschheit anthropologisch in Jäger und Sammler eingeteilt, gehören Kinder auf jeden Fall zu den Sammlern. Aber ist das tatsächlich der Grund, warum fast alle Jungen und Mädchen von klein auf eine Sammelleidenschaft entwickeln? Prof. Ludwig Duncker von der Uni Gießen gehört zu den wenigen Forschern in Deutschland, die dieses Phänomen untersuchen. Der Erziehungswissenschaftler hat in den vergangenen 30 Jahren mit rund 800 Kindern über das Thema gesprochen und sich ihre Sammlungen zeigen lassen. Er sagt: "Sammeln ist wie Sprechen lernen: Eine bildende Tätigkeit, die den Kindern einen eigenen Zugang zur Welt ermöglicht."

Sammeln fördert Kreativität und Lernfähigkeit

Die Sammelleidenschaft beginnt laut Duncker, sobald Babys anfangen zu krabbeln. Anfangs schleppen sie ihr Lieblingsspielzeug oder andere interessante Dinge in eine Zimmerecke. Sobald sie sich draußen frei bewegen können, beginnen sie, die Natur für sich zu entdecken. "Sammeln ist eine intensive Beschäftigung; die Kinder betrachten, unterscheiden, kategorisieren. Dabei ist das Kind geduldig und konzentriert. Je länger der junge Mensch sammelt, desto mehr vertieft er sein Interesse. Das fördert den Spaß am Lernen und nützt auch der Lernfähigkeit im Schulalter", erklärt er. Auch die Kreativität wird gefördert. Prof. Duncker: "Sammeln ist immer auch eine ästhetische Beschäftigung. Denn was interessant ist, entscheidet das Kind selbst. Das fördert den Sinn für Schönheit." Zudem füllen Kinder die Dinge häufig mit Phantasie. "Im Spiel wird aus dem Stock eine Mondrakete", veranschaulicht der Wissenschaftler die kognitive Entwicklung der kleinen Sammler.

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Unser Experte

Prof. Ludwig Duncker ist Autor des Buches "Wenn Kinder sammeln. Begegnungen in der Welt der Dinge" (Klett/ Kallmeyer, 29,95 Euro)

Bei Sammelalben geht es nur um Vollständigkeit

Wenn die Kinder ins Kita-Alter kommen und anschließend zur Schule gehen, verändert sich die Auswahl ihrer Schätze häufig. Ich persönlich sammle liebend gern mit meinem Sohn Muscheln. Für Flummis* interessiere ich mich – im Gegensatz zu ihm – nicht so sehr. "Unsere Gesellschaft ist auf Konsum ausgerichtet, das beeinflusst natürlich auch unsere Kinder. Die Zahl der kommerziellen Sammlungen ist in den vergangenen Jahrzehnten enorm gestiegen. Dabei sind sie im Interesse des Kindes viel kurzlebiger", kritisiert der Wissenschaftler. Denn: Bei gekauften Dingen gehe es meist nur um Vollständigkeit, wie zum Beispiel bei Sammelalben. Für Schulkinder komme noch der soziale Aspekt des Tauschens hinzu, aber mehr pädagogisch wertvolle Ansätze würden diese Sammlungen meist nicht bieten. Dennoch rät der Professor Eltern, ihren Kindern die gekauften Sammlungen zu lassen. Ebenso wie die natürlichen Ursprungs. "Die Eltern müssen natürlich hygienische Regeln aufstellen. Und klare Grenzen vereinfachen den Umgang mit den Sammlungen für alle Beteiligten", meint Duncker. Ist die Stock-Ecke vor der Haustür voll, muss das Kind Prioritäten setzen und lernt so, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. "Ebenso ist ein fester Platz im Regal, eine Dose oder Ähnliches nützlich."

*Fun Fact: Der Begriff "Flummi" ist eine Zusammensetzung aus den Wörtern "fliegendes Gummi".

Kinder sammeln ohne Zwang und Gier

Nützlich, pädagogisch wertvoll, ästhetisch und lernförderd. All das ist Sammeln für unsere Kinder. Aber warum tun sie es denn nun? "Das wissen wir nicht", gesteht Professor Ludwig Duncker. Kinder selbst sagen, 'aus Spaß'. Und vielleicht reicht das ja auch einfach. "Das Sammeln ist immer positiv", erläutert Duncker seine Forschungsergebnisse. Nie habe er bei den Hunderten von Kindern und ihren Sammlungen einen Zwangscharakter erlebt, eine negative Gier nach Anhäufung. "Die Kinder umgeben sich mit den Dingen, die sie gern haben. Auch wenn die Auswahl für Erwachsene gelegentlich überraschend sein mag. Sie gewähren uns Einblick in ihre Welt, und wir sollten vorsichtig damit sein, unsere eigenen Vorstellungen hineinzudeuten."

Unsere Gastautorin


Merle von Kuczkowski lebt und arbeitet als Journalistin in Hamburg. Sie hat einen Sohn (5) und eine Tochter (2)

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