Ehrliche Worte

Tabuthema Fehlgeburt

Eine Fehlgeburt zu erleiden ist gar nicht so selten. Doch das wusste unsere Autorin nicht, als es ihr passierte. Denn die wenigsten reden darüber. Das will sie ändern.

Mein Baby, du warst die schönste Überraschung, denn geplant warst du nicht. Der Zeitpunkt war nicht perfekt, aber du hast ihn perfekt gemacht. Wir waren außer uns vor Freude und auch dein großer Bruder hat sich immer mehr mit seiner Rolle angefreundet. Du beschertest mir die verrücktesten Gelüste.

Dieser Tag im Januar war anders als sonst. Nachdem ich deinen Bruder in die Schule gebracht habe, war mir nach heulen zumute. Und das tat ich auch, in den Armen deines Papas. Dann setzten Blutungen ein. Wir haben dich verloren. Ich bin deine Mama, mein Sternenkind. Für immer. Obwohl du nie geboren wurdest.

Plötzlich mutterseelenallein

Ich habe beschlossen, nicht auf Standard-Empfehlung "die ersten drei Monate erzählt man nichts" zu hören. Ich wollte über meine Schwangerschaft sprechen, von Anfang an. Nachdem ich mein Baby verloren habe, war ich darüber sehr dankbar. Weil ich trotz aller Trauer nie alleine war, sondern aufgefangen wurde. Natürlich bleibt es jeder werdenden Mama überlassen, die Schwangerschaft zu verkünden, wenn sie es für richtig hält. Und über das "Wann" sollte nur sie entscheiden.

Ich wusste gar nicht, wie viele meiner Freundinnen eine Fehlgeburt hatten

Ich war geschockt, wie viele meiner Freundinnen selbst Fehlgeburten erlitten hatten. Völlig unbemerkt, bis ich selbst begann, offen darüber zu reden. Mich hat der Schmerz gelähmt. Als ich dachte, ich überstehe diese Gefühle nicht, war eine Schulter da, an die ich mich anlehnen konnte. So durfte ich langsam heilen, auch wenn der Gedanke an mein Baby, das mittlerweile eigentlich geboren wäre, immer schmerzen wird.

Zur Geburt bekommen wir Blumen. Wenn wir sterben, bekommen wir ein Begräbnis. Wir Sternenmamas stehen nach einer Fehlgeburt nur vor einer schmerzlichen Leere. Oft ganz alleine.

Das Thema Fehlgeburt darf kein Tabu sein

Ich möchte Fehlgeburten aus der Tabu-Ecke holen, weil so viele von uns davon betroffen sind. Wir fühlen uns einsam und sind doch so viele, die diesen Schmerz durchleben.

Zwölf bis 24 Prozent aller schwangeren Frauen erleben eine Fehlgeburt. Rechnet man die Frauen mit ein, die von ihrer Schwangerschaft nicht wussten, ist die Zahl noch viel höher. Lasst uns also darüber sprechen.

Wie kommt es zu einer Fehlgeburt?

"Die ersten Tagen und Wochen der Schwangerschaft entscheiden, ob die befruchtete Eizelle sich optimal in der Gebärmutter einnistet und der Embryo sich entwickeln kann", erklärt die Berliner Frauenärztin Jumana Mensah. "Fehlgeburten in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten sind meist Fehlentwicklungen des Embryos, der nicht überlebensfähig wäre. Nicht selten lässt sich kein konkreter medizinischer Grund für die Fehlgeburt nachweisen, was es für Betroffene noch schwieriger macht. In dieser Situation ist es wichtig, den Frauen Mut zu machen, denn laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind wiederkehrende Fehlgeburten selten. Nur etwa ein Prozent der Frauen erlebt dreimal oder öfter eine Fehlgeburt vor der 20. Schwangerschaftswoche."

Das Risiko für Komplikationen während der Schwangerschaft steigt ab 35 Jahren an und auch Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck oder Schilddrüsenfunktionsstörungen können die Schwangerschaft gefährden. Ebenso können chronischer Alkoholkonsum, Drogen und Rauchen, sowie Unfälle und sogar mangelhafte Spermaqualität zu Fehlgeburten führen.

Fehlgeburten äußern sich meist durch vaginale Blutungen, krampfartige Unterbauchschmerzen oder vorzeitige Wehen. Hinter diesen Symptomen steckt aber nicht immer eine Fehlgeburt, deshalb ist eine ärztliche Abklärung wichtig.

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So viele Gefühle

"So belastend ein solches Erlebnis ist: Solange keine bedrohliche Blutung oder Ähnliches besteht, ist eine Fehlgeburt kein medizinischer Notfall, bei dem zwingend sofort gehandelt werden muss", ergänzt Jumana Mensah. "Für manche Paare ist es hilfreich, das Erlebte erst einmal zu verdauen und sich dann mit medizinischen Schritten auseinanderzusetzen." Sie möchte Betroffene ermutigen, ihre Bedürfnisse gegenüber den betreuenden Ärzte offen anzusprechen.

Tatsächlich aber bleiben die meisten Fehlgeburten unbemerkt. Kann sich das befruchtete Ei nicht einnisten oder entwickeln, wird es mit einer Blutung abgestoßen, die oft mit der Menstruation verwechselt wird.

Ich möchte mich an dieser Stelle aber auch emotionalem Schmerz widmen. Denn schwanger sein ist neben der körperlichen Veränderung auch eine tiefe emotionale Verbundenheit. Es werden Pläne geschmiedet und die Zukunft geplant – auch wenn die Schwangerschaft noch ganz frisch ist. Deshalb tut dieser Verlust in jedem Stadium weh.

Du musst da nicht alleine durch – Hebammen unterstützen auch nach einer Fehlgeburt

Spüre in dich hinein und finde heraus, was dir gerade guttut. Ob Gespräche mit vertrauten Menschen oder mit anderen Eltern, die Ähnliches erlebt haben. Vielleicht möchtest du aber auch professionelle Unterstützung in Form von Selbsthilfegruppen wie dem "Verein Pusteblume" oder zum Beispiel durch die Initativen "Leere Wiege" oder "Regenbogen" oder Beratungsstellen (z. B. Pro Familia).

Jumana Mensah ist es zudem ein großes Anliegen, darauf aufmerksam zu machen, dass Frauen auch nach einer Fehlgeburt die Begleitung durch eine Hebamme zusteht. Das ist vielen Frauen nicht bewusst.

Du siehst, Fehlgeburten sind – leider – keine Seltenheit und du bist damit nicht alleine. Spricht aus ärztlicher Sicht körperlich nichts gegen eine Schwangerschaft und hast du den Verlust emotional verarbeiten können, kannst du schon im ersten Zyklus nach einer Fehlgeburt wieder versuchen, schwanger zu werden.

Jede von uns hat ihre Geschichte. Aber wir sind nicht alleine. Wir sind viele. Und gemeinsam können wir uns in diesen dunklen Stunden Kraft geben.

Autorin: Nathalie Nuerk

Wie kann man Betroffene unterstützen?

Die größte Hilfe ist man, indem man einfach da ist, wenn die Freundin einen braucht – und sie alleine lässt, wenn sie das Bedürfnis danach hat. Mache ihr klar, dass eine Fehlgeburt kein Tabu ist und ermuntere sie, den Verlust zu betrauern und sich alle Zeit der Welt dafür zu nehmen.

Natürlich trauern oft auch die Papas in spe. Auch sie können sich selbstverständlich beraten lassen. Oft hilft es schon, einfach nur darüber zu sprechen.

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