Paar holt Baby aus Krisengebiet

Leihmutterschaft im Krieg: "Wir hätten unser Baby niemals in der Ukraine zurückgelassen!"

Der Krieg in der Ukraine bringt hunderte Leihmütter und Babys in Gefahr. Und auch die Eltern riskieren viel, um die neugeborenen Säuglinge aus dem Krisengebiet zu holen. Patricia und ihr Mann Mannix aus Bonn erzählen unserer Autorin Mirca Elena Heidler ihre emotionale Geschichte.

Wenn Mutter, Vater und Kind endlich vereint sind. (Symbolbild)
© Getty Images/Halfpoint Images
Wenn Mutter, Vater und Kind endlich vereint sind.

"Was für Waffen denn? Wir haben doch keine Waffen!"

"Unsere Leihmutter hat schon leichte Wehen, das Kind kann jeden Moment kommen. Aber wir haben noch keine Ahnung, wie wir unser Baby abholen sollen. Vielleicht versuchen wir es mit dem Auto und fahren mit einem der Hilfskonvois mit ..." Es ist der 26. März 2022, als ich das erste Mal mit Patricia* telefoniere. Seit vier Wochen herrscht Krieg in der Ukraine, dem Land, in dem eine andere Frau ihr Kind austrägt. Ursprünglich sollte das Baby in einem Krankenhaus in Kiew zur Welt kommen. Doch aufgrund der anhaltenden Angriffe der Russen auf die Hauptstadt der Ukraine ist die hochschwangere Leihmutter mit einem Zug in eine andere Stadt in der Zentralukraine geflüchtet. "Freunde haben uns gefragt, ob wir Waffen mitnehmen, wenn wir unser Kind abholen. Jeder dort soll ein Gewehr haben und die Erlaubnis zu schießen. Aber was für Waffen denn? Wir haben doch keine Waffen!"

Patricia und ihr Mann erwarten einen kleinen Jungen. Sie haben sich schon einige Namen überlegt, aber welcher es werden wird, steht noch nicht fest. "Da haben wir noch etwas vor uns! Bei unserer Tochter Lilly war das anders. Da waren wir uns schnell einig." Es ist das zweite Mal, dass Patricia und ihr Mann ein Kind mithilfe einer Leihmutter bekommen. Auch Lilly kam in der Ukraine zur Welt, im Dezember 2018. Am zweiten Weihnachtsfeiertag flogen ihre Eltern los, um ihre Tochter nach Hause zu holen. "Natürlich hatte ich vorher Bedenken, wie es sein würde, auf diese Weise ein Baby zu bekommen. Würde es sich gleich anfühlen, als sei es mein Kind, fragte ich mich. Aber als ich Lilly dort im Krankenhaus gesehen habe, war es sofort klar: Das ist mein Baby! Ich habe Rotz und Wasser geheult. Wir waren so glücklich!"

1.000 Babys von Leihmüttern pro Jahr

Eine der größten Agenturen zur Vermittlung von Leihmüttern in der Ukraine ist BioTexCom. Pro Jahr kommen etwa 1.000 Babys mit Unterstützung dieser Agentur zur Welt. Die Kosten für die Leihmutterschaft liegen bei BioTexCom zwischen 40.000 und 65.000 Euro. Die Leihmutter erhält davon etwa 20.000 Euro. Es sind große Summen, die die Eltern zahlen müssen, um sich ihren Wunsch nach einem Kind zu erfüllen.

"Aber der Kinderwunsch ist mächtig", berichtet Patricia. "Mein Mann und ich haben drei Kinder selbst bekommen. Die sind jetzt schon groß. Dennoch habe ich mir noch ein weiteres Kind gewünscht. Ich habe immer wieder versucht, diesen Wunsch zu verdrängen. Ich habe gedacht: 'Ich habe doch schon drei Kinder, andere haben gar keins.' Aber ich kam nicht dagegen an. Doch dann habe ich mein viertes Kind verloren. Danach konnte ich nicht wieder schwanger werden."

Nach einigen schmerzhaften und emotional sehr belastenden Fehlversuchen machte eine Frauenärztin das Paar auf die Möglichkeit einer Leihmutterschaft aufmerksam. "Selbstverständlich hatte ich Bedenken, wie das sein würde mit dem Ausland. Die Leihmutterschaft wird ja oft sehr negativ dargestellt, als Ausbeutung der Frauen. Aber die bezahlen mit dem Geld ihre Häuser oder finanzieren ihren Kindern das Studium. Viele der Frauen sagen, dass sie den Paaren, die keine Kinder bekommen können, gerne helfen wollen und dass es sie glücklich macht. Aber ich könnte das nicht, man baut ja doch eine Bindung zu dem Kind auf, über die Monate der Schwangerschaft. Ich bewundere diese Frauen sehr."

In Deutschland ist Leihmutterschaft verboten

Dass Paare wie Patricia und ihr Mann zur Erfüllung ihres Kinderwunsches auf Leihmütter im Ausland angewiesen sind, liegt daran, dass in Deutschland im Gegensatz zur Samenspende sowohl die Leihmutterschaft als auch die Eizellspende verboten sind. Bei einem Verstoß gegen das Embryonenschutzgesetz werden zwar weder die Leihmutter noch die Wunscheltern bestraft, jedoch der Arzt oder die Ärztin, die verbotenerweise die erforderlichen Fortpflanzungstechniken missbräuchlich anwenden. Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren sind möglich.

Weltweit ist die Leihmutterschaft umstritten, insbesondere wegen Bedenken hinsichtlich des Wohles des Kindes und der Leihmutter. Zu den Ländern, in denen Leihmutterschaft unter bestimmten Bedingungen legal ist, zählen unter anderem Israel, Portugal, Griechenland, Georgien, einige Staaten der USA, Russland und die Ukraine.

Patricia und ihr Mann haben sich aufgrund der räumlichen Nähe und der Vertragskonditionen für eine Leihmutter in der Ukraine entschieden. "Wir werden ebenfalls von BioTexCom betreut. Die Handhabung ist dort sehr professionell, es gibt keine Begrenzung der Versuche, das heißt, es wird so lange versucht, eine Schwangerschaft herbeizuführen, bis das bestellende Paar ein Baby bekommt, und es ist vertraglich festgelegt, dass die Leihmütter die Babys nach der Geburt abgeben müssen. Außerdem ist bei BioTexCom eine genetische Verwandtschaft des Kindes mit der Leihmutter ausgeschlossen. In anderen Ländern können diese Dinge anders sein."

Die Kinder von Patricia und ihrem Mann sollen eines Tages erfahren, dass sie mithilfe von Leihmüttern zur Welt gekommen sind. "Wir wollen unserer Tochter auf jeden Fall sagen, dass da jemand geholfen hat, dass sie eine Bauchmama hat und eine Herzmama. Ich habe noch einen guten Kontakt zu der Leihmutter, die Lilly auf die Welt gebracht hat. Nach der Geburt habe ich sie bei einem gemeinsamen Botschaftstermin getroffen. Damals habe ich ihr das Kind in die Arme gelegt und ihr gedankt." Bis heute schreiben die Frauen sich Briefe, immer wieder schickt Patricia Pakete in die Ukraine mit kleinen Geschenken für die zwei eigenen Töchter der Leihmutter.

"Wir haben die Leihmutterschaft nie bereut"

Im Umfeld von Patricia und ihrem Mann waren die Reaktionen auf die Leihmutterschaft alle positiv. "Es weiß nicht jeder, dass wir ein Kind auf diese Weise bekommen haben, aber einige schon und da gab es nur positive Reaktionen. Falls es jemand komisch fand, hat es mir keiner gesagt. Alle haben diese Entscheidung respektiert und wir haben sie nie bereut." Auch ihre erwachsenen Kinder konnten mit dem Familienzuwachs auf diesem ungewöhnlichen Weg gut umgehen. "Unsere drei Kinder waren in den Prozess der Leihmutterschaft absolut integriert. Ich liebe alle meine Kinder gleich und sie sind das größte Geschenk meines Lebens."

Patricia und ihr Mann sind so glücklich mit ihrer kleinen Tochter Lilly, dass bald der Wunsch nach einem weiteren Geschwisterchen entsteht. Die Vorfreude auf den kleinen Bruder ist riesengroß. Doch der Krieg zwischen Russland und der Ukraine macht den künftigen Eltern des kleinen Jungen große Sorgen. "Niemals hätten wir uns träumen lassen, dass wir unser Baby aus einem Kriegsgebiet abholen müssen. In der ersten Nacht nach dem Einmarsch der Russen saß ich senkrecht im Bett und habe mir ununterbrochen die Nachrichten angesehen. Wenn ich nur daran denke, was für eine Reise uns da bevorsteht, wird mir schlecht."

Doch trotz der Gefahr haben weder Patricia noch ihr Mann jemals daran gedacht, ihr Baby in der Ukraine zu lassen. „Ich kann den Kleinen doch nicht da liegen lassen! Und wir wollen auch nicht warten, bis der Krieg vielleicht irgendwann vorbei ist.“

Dutzende Babys von Leihmüttern warten in Luftschutzkellern auf ihre Eltern

So wie Patricia und ihrem Mann geht es derzeit vielen Eltern weltweit. "Zu Beginn des Krieges waren 600 unserer Leihmütter schwanger, rund 80 von ihnen mit den Babys deutscher Eltern", berichtet Maria Holumbovska, die Pressesprecherin von BioTexCom mir im März im Zoom-Interview aus Kiew. Die Paare, die mithilfe der ukrainischen Leihmütter Kinder erwarten, kommen aus vielen Ländern, unter anderem aus Österreich, Frankreich, Großbritannien, Spanien, Schweden, Brasilien, Kanada und China. Jeden Tag werden es mehr Babys, die inmitten des furchtbaren Kriegschaos geboren werden, das derzeit das ganze ukrainische Volk in so unsägliches Leid stürzt.

Die meisten Leihmütter warten an verschiedenen Orten in Kiew oder in der Zentralukraine auf die Geburten, die derzeit oft in den Kellern der Entbindungskliniken stattfinden. Nach ihrer Geburt werden die Kinder in Luftschutzkeller gebracht, wo sie bleiben, bis sie von ihren ausländischen Eltern abgeholt werden. Krankenschwestern versorgen sie rund um die Uhr. "Den Babys geht es gut“, berichtet Maria Holumbovska. "Sie sind an sicheren Orten und werden liebevoll betreut. Aber für die Krankenschwestern ist es eine große Belastung. Sie arbeiten fast pausenlos und haben natürlich Angst. Wir alle haben Angst. In Kiew gibt es fast den ganzen Tag Sirenengeheul, sodass wir uns immer wieder an sichere Orte flüchten müssen, etwa zwischen die dicken Wände im Flur. Man weiß nie, was als nächstes passiert. Es gibt immer wieder Explosionen. Gestern fühlte es sich an wie ein Erdbeben."

Maria Holumbovska weiß um die große Angst der Eltern vor der Reise in die umkämpfte Ukraine. Trotzdem empfiehlt die Agentur ihnen klar, die Babys so schnell wie möglich abzuholen. "Ja, die Reise ist gefährlich. Aber noch gefährlicher ist es, die Kinder hier zu lassen. Niemand weiß, wie sich dieser Krieg noch entwickeln wird. Wir müssen mutig und tapfer bleiben."

Das Baby ist da!

© Foto: privat
Erschöpft, aber happy: Patricia mit Baby Henry, heil und gesund in Deutschland angekommen.

Am 28. März 2022 erreicht Patricia und ihren Mann die wundervolle Nachricht: Ihr Sohn ist zur Welt gekommen! Von jetzt an folgen die beiden einem straffen Zeitplan. Sie wollen ihr Kind so schnell wie möglich nach Hause holen. Auf der Reise zu ihrem Baby beladen sie ihr Auto mit Hilfsgütern für das medizinische Personal, die Leihmütter und die Babys. "Windeln, Babynahrung, Verbandszeug, wir haben so viel wie möglich mitgenommen." Viel mehr konnten sie nicht tun. "Wir waren mit der Situation völlig alleingelassen. Die deutsche Botschaft müsste dringend helfen und zum Beispiel geschützte Rücktransporte ermöglichen."

Doch derzeit ist auf geschützte Evakuierungen mithilfe der Bundesregierung nicht zu hoffen. Auf Anfrage der Redaktion heißt es im März 2022 aus dem Auswärtigen Amt: "Evakuierungen seitens der Bundesregierung sind aufgrund der volatilen Lage nicht möglich. Wir sind uns bewusst, dass die Situation für Paare, die aktuell an Leihmutterschaftsprogrammen in der Ukraine teilnehmen, sehr schwierig ist und wir bemühen uns daher, diesen Paaren weitgehend entgegenzukommen. Mit den Betroffenen, die sich bisher bei uns gemeldet haben, stehen wir in engem Kontakt. Allerdings ist die rechtliche Lage aufgrund des Leihmutterschaftsverbots in Deutschland sehr komplex. Das bestehende Verfahren einschließlich einer Vaterschaftsanerkennung soll auch der Gefahr von Kindesentziehung und im schlimmsten Fall Menschenhandel vorbeugen. Es gibt daher kaum Spielräume für Abweichungen von den vorgegebenen Verfahren."

Am 12. April telefoniere ich erneut mit Patricia: Sie und ihr Mann haben es geschafft! Sie konnten ihren kleinen Sohn aus der Ukraine abholen und sind auf dem Rückweg nach Deutschland. Doch die Reise ist sehr anstrengend für das Paar und das kleine Baby. "Diese Reise ist einfach Irrsinn. 4.500 Kilometer mit dem Auto, mitten hinein ins Ungewisse. Auf dem Hinweg durch Deutschland, Österreich, Ungarn, Rumänien, Moldawien bis nach Kirowograd in der Ukraine. Wir sind über schlechte Straßen gefahren, haben zwei Nächte im kalten Auto schlafen müssen, weil die Hotels voll waren, zeitweise haben wir uns nur von Süßigkeiten ernährt. Wir haben kaum geschlafen und sind total übermüdet angekommen."

Aber dann war es endlich so weit! "Mannix hat den Kleinen sofort entdeckt. Er nahm ihn auf den Arm und zeigte ihn mir, wir fingen beide an zu weinen. Die Anspannung fiel für den Moment komplett ab." Patricia und ihr Mann sind überglücklich. "Er gehört zu uns als Familie, es ist ein wunderschönes Gefühl, das nochmal erleben zu dürfen."

Doch nach dem Kennenlernen wartet noch eine schwierige Entscheidung und die Rückreise auf das Paar. "Die deutsche Botschaft wollte uns erst in zwei Wochen einen Termin zur Ausstellung des Kinderpasses geben, obwohl wir schon seit Wochen in Kontakt mit der Botschaft sind. Aber das war uns zu riskant, darauf wollten wir nicht warten! Wir sind ohne Kinderpass ausgereist und hoffen auf Nachsicht in Deutschland. Jetzt auf der Rückfahrt werden wir an jedem Grenzübergang stundenlang kontrolliert, überall die zerbombten Straßen, die Armut, es ist furchtbar", berichtet Patricia. "Heute Abend habe ich nur noch geweint. Wir sind so erschöpft." Zeitgleich hält sie ihren Sohn in ihren Armen und gibt ihm ein Fläschchen Milch. Jetzt hat der kleine Junge auch einen Namen: "Wir haben ihn Henry genannt", erzählt mir Patricia. Diese Nacht wird die Familie noch in einem Hotelzimmer in Rumänien verbringen, am nächsten Tag geht es weiter Richtung Deutschland, Richtung Sicherheit.

"Wir sind unendlich dankbar"

Es bleibt zu hoffen, dass sich die Lage in der Ukraine bald verbessern wird und all das Leid, dem die Menschen dort und jene, die mit ihnen verbunden sind, ausgesetzt sind, endlich ein Ende hat.

Patricia möchte trotz der aktuellen Situation all den Menschen Mut machen, die sich ein Kind wünschen, aber bisher vergeblich auf die Erfüllung dieses Wunsches hoffen. "So etwas, wie es uns jetzt passiert ist, damit kann kein Mensch rechnen. Wir sind trotzdem unendlich dankbar, dass wir unseren Sohn jetzt endlich in unseren Armen halten und möchten allen, die sich fragen, ob der Weg der Leihmutterschaft eine Möglichkeit für sie ist, nur sagen, dass es keinen Grund gibt, diese Möglichkeit nicht zu nutzen und dieses Glück auf diese Weise möglich zu machen."

* Der vollständige Name ist der Redaktion bekannt und wird zum Schutz der Privatsphäre der Familie nicht genannt.

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