Tipps von einer Beziehungsberaterin

Was bei einer Trennung in der Schwangerschaft wirklich hilft

Wenn wir gemeinsam ein Kind erwarten, wünschen wir uns, es im Idealfall gemeinsam großzuziehen. Doch, was wenn die Wunschvorstellung von der kleinen Familie bereits in der Schwangerschaft zerbricht. Eine Coachin gibt hilfreiche Tipps für die Trennungsphase. 

Trennung in der Schwangerschaft
© iStock/RyanKing999
Schwanger und frisch getrennt: Das wünscht sich wohl keine Frau ... 

Und plötzlich ist man ganz allein. Zumindest fühlt es sich in vielen Fällen so an, wenn die Trennung vom einst geliebten Partner zur schonungslosen Realität wird. Vor allem, wenn dies in der Schwangerschaft passiert, die sich beide doch eigentlich so gewünscht haben? Oder vielleicht auch eben gar nicht ...

Wir haben mit Masha Hell-Höflinger zu diesem sensiblen Thema gesprochen. Sie ist professionelle Beziehungsberaterin und gibt hier wertvolle Tipps für alle, die das Thema "Trennung in der Schwangerschaft" beschäftigt. 

Schwanger und trotzdem Schluss: Wann sollte ich mich trennen?

Sich zu trennen, ist immer dann richtig, wenn dein psychisches und körperliches Wohl in Gefahr ist. Das gilt nicht nur mit Baby im Bauch, dann aber ganz besonders. Wenn es dir psychisch nicht gut geht in deiner Beziehung, wenn es emotionalen Missbrauch gibt, vielleicht sogar körperliche Übergriffe, dann steht es außer Frage, dass du als Frau und werdende Mama dich und dein Baby in Schutz bringen sollst. Du darfst für dich einstehen und eine geborgene und sichere Umgebung schaffen, in der du entspannt schwanger sein kannst.

...oder sind es nur die Schwangerschaftshormone?

Wenn du vermutest, dass du unter dem Einfluss der Schwangerschaftshormone sehr gereizt bist und sensibler auf das vielleicht nicht ganz optimale Verhalten deines Partners reagierst, als du es sonst tun würdest, frage dich, ob du schon alles dir Mögliche getan hast, um ihm zu vermitteln, was du jetzt gerade in dieser besonderen Zeit brauchst. Sei es Ruhe, weniger Anforderungen, ein behutsamerer Umgang im Ton, vielleicht auch mehr körperliche Zuwendung, die du brauchst, dann gib zuerst alles, um ihm diese Bedürfnisse zu kommunizieren. Wenn dein Partner dann weiterhin nicht versteht und sich weigert, sich so um dich zu kümmern, ist es ebenfalls Priorität, dass du dich als die Person, die für sich und ein werdendes Leben die Verantwortung trägt, um dich kümmerst und dir gegebenenfalls eingestehst: Ich habe mein Bestes getan, aber so geht es nicht weiter – um sich dann zu trennen.

Viele Frauen sind so sehr mit Selbstzweifeln und Selbstablehnung belastet, dass es sehr lange dauert, bis sie sich selbst die Erlaubnis geben, eine Situation zu verlassen, die ihnen nicht guttut. Aber jede von uns ist die Bestimmerin über ihr Leben. Wir dürfen Grenzen setzen und sagen: Bis hierhin, aber nicht weiter! In der Schwangerschaft erwachen in uns Frauen eine unvergleichliche Liebe und ein starker Schutzinstinkt. Manchmal gibt uns genau das die Kraft, zu sagen: Wenn ich es mir zuliebe schon nicht schaffe, mich zu trennen, dann aber dem Wohl meines Kindes zuliebe.

Bist du dir sehr unsicher mit deiner Beziehung und einer möglichen Entscheidung für eine Trennung, ist es sicherlich eine gute Idee, mit einer unbeteiligten Person über die individuelle Situation zu sprechen, beispielsweise in einer Sozialberatungsstelle, einer therapeutischen Praxis oder bei einem Coach oder eine Coachin. Es kann sehr helfen, wenn die Beziehung einmal von Außen betrachtet wird und uns so möglicherweise hinderliche Handlungsmuster oder blockierende Gedankengänge bewusst werden, die dazu führen, dass wir uns in unserer Partnerschaft immer wieder verhaken.

In der Schwangerschaft verlassen ... Wie geht man mit so einer Erfahrung um?

Eine Trennung ist wie ein Tod und löst natürlich einen riesengroßen Schmerz und tiefe Trauer in uns aus. Es fühlt sich oft an, als würde dieser Schmerz nie mehr vergehen. Es gibt jedoch ein tibetisches Sprichwort, das sehr wahr ist: "This too shall pass" – zu deutsch: "Auch das wird vorübergehen." Nach jedem Tief kommt ein Hoch. Deine Trauer wird vergehen. Der Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross zufolge verläuft jeder Trauerprozess in fünf Phasen:

  1. Zuerst verdrängen wir. 
  2. Dann kommt die Wut.
  3. Anschließend versuchen wir zu verhandeln und die Situation doch zu verändern.
  4. Gelingt dies nicht, kommt die Verzweiflung ...
  5. ... und schließlich die Akzeptanz. In der letzten Phase der Trauer finden wir zu einem inneren Frieden. Wir sehen das Licht am Ende des Tunnels und können wieder hoffnungsvoll in die Zukunft sehen. Je schneller du deine Trennung annehmen und die Phase des Kämpfens hinter dir lassen kannst, umso schneller wird es dir besser gehen.

Wenn du ganz am Anfang der Trauer im Schmerz versinkst und die negativen Gedanken dich überwältigen, suche dir aktiv Wege aus dem Schmerz heraus. Hör Musik, die dich entspannt! Lies schöne Bücher! Male! Stell Karten mit kraftspendenden Affirmationen an deinen Spiegel! Lass jede Hilfe zu, die du bekommen kannst! Oft geht es uns in solchen Momenten so schlecht, dass wir uns niemand anderem zumuten wollen. Doch wir Menschen brauchen Verbindung, um uns sicher und geborgen zu fühlen. Wenn dein Partner dich verlassen hat, überlege, auf welchen anderen Wegen du Verbindung bekommen kannst. Öffne dich deiner Familie und deinen Freunden, schau nach Gruppen, in denen du dich mit anderen werdenden Mamas austauschen kannst. Suche dir professionelle Unterstützung und sprich mit einem Therapeuten oder einer Therapeutin, einem Coach oder einer Coachin darüber, was dir widerfahren ist. Du fühlst dich vielleicht gerade sehr allein, aber du bist es nicht! Es gibt so viel Hilfe da draußen!

Auch im Internet kannst du Unterstützung finden. Wir haben beispielsweise bei SozialDynamik die Facebook-Gruppe "Level Up Your Love", in der sich die Mitglieder mit ganz viel Respekt dazu austauschen, was sie in Sachen Beziehung erleben und wie es besser gehen könnte. Gerade wenn du in der Schwangerschaft verlassen worden bist, fühlst du vielleicht eine große Scham. Wenn ich eines in meiner Zeit als Coach gelernt habe, dann das: Scham wird weniger, wenn wir darüber sprechen, wofür wir uns schämen.

Wie hilfst du betroffenen Frauen in deinen Coachings?

In unsere Coachings kommen sehr oft Frauen, die während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt verlassen wurden. Es passiert immer wieder, dass die Männer dann doch kalte Füße bekommen und ihre Sachen packen. Im Gedächtnis geblieben ist mir zum Beispiel die Geschichte einer Anwältin, deren Partner sie kurz vor der Geburt verlassen hat. Die beiden kannten sich schon lange und waren vor ihrer Beziehung auch lange befreundet. Darum konnte sie kaum verstehen, wie es plötzlich zu der Trennung kommen konnte.

In so einer Situation fühlt man sich nicht nur als Frau verraten und verletzt. Die Verletzung geht noch viel tiefer, weil die Männer auch das ungeborene Kind und die damit verbundene Zukunft verlassen. Der Schmerz in einer solchen Situation ist so schlimm und intensiv, dass es ganz natürlich ist, wenn die Frauen sehr heftig darauf reagieren und versuchen, diesen Mann komplett aus ihrem Leben zu verbannen. Die Anwältin hat damals das Land verlassen, in dem ihr Partner gelebt hat, und wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Aber wie auch immer unsere Verbindung zu dem Vater unseres Kindes aussieht, dieser Vater wird immer zu diesem Kind gehören und unserem Kind zuliebe kann es der bessere Weg sein, eine neutrale Verbindung zu diesem Mann zu erhalten.

Im Coaching haben wir die Anwältin darum dabei unterstützt, einen Weg heraus aus ihrem Groll zu finden, ihre Selbstliebe zu stärken und ihrem Kind zuliebe wieder eine Verbindung zu diesem Mann zuzulassen. Mit etwas Abstand und unserer professionellen Unterstützung konnte sie besser verstehen, warum es zur Trennung gekommen war und dass diese viel weniger mit ihr als mit seiner persönlichen Geschichte zu tun hatte. So konnte sie einige Monate nach der Trennung ein Treffen mit ihm aushalten, bei dem die beiden in Ruhe über Themen wie Unterhalt und Sorgerecht sprechen konnten. Die Beziehung der Eltern konnte nicht gerettet werden, der Vater hat aber später einiges dafür getan, eine Beziehung zu dem Kind aufzubauen.

Gibt es ein Ritual, mit dem ich mit der verlorenen Beziehung abschließen kann?

Die höchste Form eines Abschlussrituals, das ich empfehlen kann, ist das Hoʻoponopono, ein traditionelles Ritual der Hawaiianer zur Aussöhnung und Vergebung. Dabei folgen wir den Punkten "Ich bedanke. Ich bedaure. Ich nehme mir mit. Ich liebe dich." und machen uns schriftlich und in Worten bewusst, warum wir uns damals verliebt haben, wofür wir dankbar sein können, was wir trotzdem noch an diesem Menschen schätzen und was wir in zukünftigen Beziehungen anders machen wollen.

Das Ziel ist es, dass du eines Tages den Schmerz, den du durch die Trennung erlebst, loslassen und stattdessen mit Dankbarkeit auf die Verbindung schauen kannst, aus der dein Kind entstanden ist. Doch unmittelbar nach einer Trennung sehen unsere Gefühle meist ganz anders aus: Wir sind voller Hass und Groll, wir fühlen uns verzweifelt, allein und wertlos. Um diese Gefühle loszulassen und offen für ein abschließendes Ritual zu werden, kannst du mit deinem inneren Kind arbeiten.

Das Konzept des inneren Kindes geht davon aus, dass wir alle tiefe Prägungen aus unserer Kindheit in uns tragen, die einen starken Einfluss darauf haben, wen wir als Erwachsene als unsere Partner:innen wählen und wie wir mit ihnen Beziehungen leben. Scheitern wir in unseren Beziehungen immer wieder an denselben Problemen, ist es sehr wahrscheinlich, dass es hinderliche Prägungen aus unserer Kindheit sind, die dazu führen, dass unsere Beziehungen nicht so gut laufen. Es macht viel Sinn, sich bei der Arbeit mit dem inneren Kind von einem erfahrenen Profi unterstützen zu lassen. Er oder sie kann uns dabei helfen, gedanklich Kontakt zu diesem Kind aufzunehmen, seine Verletzungen zu verstehen, es zu trösten und anzunehmen, bis sich unsere Blockaden und all die negativen Emotionen lösen.

Soll ich meinen Ex trotz Trennung an der Entwicklung der Schwangerhaft teilhaben lassen?

Eine Trennung in der Schwangerschaft bringt viele Fragen mit sich: Soll der Ex-Partner noch mit zum Geburtsvorbereitungskurs? Soll er beim Einkauf der Babyausstattung dabei sein? Soll er beim Namen des Kindes noch ein Mitspracherecht haben? Bei all diesen Fragen liegt die Entscheidung ganz bei dir als Mutter.

Hast du den Vater verlassen, kannst du ihn je nach deinen Bedürfnissen dazu einladen, dich bei diesem oder jenem Punkt zu begleiten. Dabei ist entscheidend, was nach deinem Empfinden gut für dich und dein Kind ist, nicht, was du nach Ansicht von sonst wem vielleicht tun solltest. Der Vater kann dann entscheiden, ob und wie er sich einbringen möchte, du musst es aber auch akzeptieren, wenn er zu deiner Einladung Nein sagt und sich nicht so engagieren möchte, wie du es dir vorstellst.

Wenn du verlassen worden bist, gilt: Du musst gar nichts. In erster Linie schaue darauf, was du brauchst und was dir guttut. Wenn du dir gar nicht vorstellen kannst, mit deinem Ex irgendetwas zu machen, dann musst du das auch nicht tun. Das gilt auch beim Namen. Du musst ihn an der Wahl nicht beteiligen. Möchtest du das trotzdem tun, weil ihr beispielsweise lange zusammen wart, kannst du stellvertretend auch mit seiner Familie, beispielsweise seiner Mutter, über die Namenswahl sprechen.

Macht es Sinn, den Ex-Partner zu einer Therapie oder einem Coaching nach der Trennung einzuladen, um dem Kind zuliebe eine bessere Verbindung zueinander aufzubauen?

Immer! Denn wenn ihr gemeinsam Kinder habt, werdet ihr ein Leben lang miteinander verbunden bleiben. Gerade wenn die Trennung schwierig ist und ihr viele Streitigkeiten habt, macht es absolut Sinn, eurem Kind zuliebe gemeinsam nach einem Weg zu suchen, besser miteinander auszukommen.

Was kann ich tun, wenn ich unter der Trennung sehr leide und es mir schwerfällt, eine gute Verbindung zu dem Kind in meinem Bauch aufzubauen?

Allein wenn du dir diese Frage stellst, sei dir sicher: Du hast diese Verbindung zu deinem Baby schon. Sie ist nur gerade überlagert durch all den Schmerz, den die Trennung in dein Leben gebracht hat. Findest du allein nicht aus dieser seelischen Krise heraus, such dir professionelle Hilfe! Es gibt so viele Hilfsangebote für solche Situationen, du musst das alles nicht alleine schaffen.

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