Wenn Mama und Papa sich trennen

Zwei Welten: Umgangsmodelle für Trennungskinder

Wenn Eltern sich trennen, ist das für Kinder ein Schock. Sie brauchen erst einmal Zeit, sich an die neue Situation zu gewöhnen – auch daran, dass sie nun zwei Zuhause haben. Wichtig für die Heranwachsenden ist, dass Mama und Papa gut kommunizieren und das für die Familie passende Umgangsmodell wählen.

© Foto: Getty Images/Pixland
Auch für die Erwachsenen ist die neue Situation eine Herausforderung.

Es ist Sonntagabend, kurz vor 18 Uhr. Luisa* stapft, einen kleinen Rucksack über der Schulter und eine Papiertasche in der Hand, die Treppe hinauf in den zweiten Stock des Mehrfamilienhauses. Ihre Mutter Anne empfängt die 13-Jährige an der Wohnungstür und drückt ihr liebevoll einen Kuss auf die Wange. "Na, wie war’s?" – "Cool!"

Luisa ist zurück vom Papa-Wochenende. Der Vater hat sie mit dem Auto gebracht und vor der Haustür abgesetzt. Zusammen mit ihrem zwei Jahre jüngeren Bruder Valentin hat Luisa zwei Tage beim Papa in München verbracht. Valentin ist noch bei einer Geburtstagsfeier. Die Eltern sind seit gut zwei Jahren getrennt. Die Mutter lebt seitdem in einer Vier-Zimmer-Wohnung in einer Gemeinde im Großraum München, der Vater ist im Haus der Familie in der Stadt geblieben. Die Kinder wohnen überwiegend bei der Mutter, jedes zweite Wochenende sind sie beim Vater, an den anderen Wochenenden treffen sie ihn für jeweils ein paar Stunden. Gerade laufen die ersten Gespräche, um die Scheidung einzuleiten. Noch ganz frisch für alle: Der Vater hat eine neue Partnerin. Vor wenigen Wochen ist sie mit ihrer kleinen Tochter bei ihm eingezogen. 

"Größtenteils ganz gut" kämen die Familienmitglieder inzwischen mit dem veränderten Alltag zurecht, sagt Luisa. Aber ihr Bruder leide immer noch sehr unter der Situa­tion. Auch der Papa habe große Schwierigkeiten gehabt, wollte die Trennung nicht akzeptieren. Seit er die neue Freundin habe, gehe es ihm aber besser. Luisa selbst sieht die Trennung ihrer Eltern im Rückblick insgesamt positiv. "Es gibt weniger Streit", sagt sie. "Zumindest ist er weniger an uns dran." Die Kinder bekämen zwar noch mit, wenn die Eltern sich zankten. Aber insgesamt sei die Situation entspannter. Sie selbst sei nicht mehr so oft traurig wie früher, als sich die Eltern ständig gezofft hätten. 

Auch Mutter Anne Meier, die sich nach jahrelangem Ringen zu der Trennung entschlossen hatte, steht zu ihrer Entscheidung. "Ich möchte auf keinen Fall kleinreden, dass eine intakte Familie das schönere Modell wäre", gibt sie zu. Selbstverständlich habe jeder in der Familie seine Trauerphasen, und es sei schade, dass sie und ihr Mann es nicht "geschafft" hätten. Aber, so die 46-Jährige: "Jetzt ist es der bessere Zustand als vorher." 

Mehr als 121.300 Minderjährige in Deutschland lebten 2018 mit geschiedenen Eltern, das hat das Statistische Bundesamt berechnet. Hinzu kommen Trennungskinder von unverheirateten Eltern, zu denen es keine offiziellen Zahlen gibt. Auch welche Umgangs- und Betreuungsformen die Eltern praktizieren (siehe unten), lässt sich nicht genau beziffern. Fest steht: Zigtausende Kinder in Deutschland haben zwei Zuhause. Eins bei Mama, eins bei Papa. Und damit zwei Zimmer, zwei Betten, zwei Nachbarschaften, zwei Heimwege. Vielleicht zwei Erziehungsstile. Zwei Familien. Immer wieder Packen und Auspacken, Abschied und Wiedersehen. 

Was Kinder in einer solchen Situation am dringendsten brauchen, weiß Cornelia Ulrich. Die promovierte Diplom-Psychologin, systemische Paar- und Familientherapeutin und Mediatorin leitet den Familien-Notruf München, eine Beratungsstelle, die schwerpunktmäßig Eltern in Trennung und Scheidung berät. "Die Kinder brauchen Eltern, die in ihrer Kraft bleiben", erklärt Ulrich. Eine Trennung koste viel Energie. Daher sei es wichtig, dass die Eltern "im Sinne der Selbstfürsorge" auf sich achteten. Außerdem entscheidend für die Kinder: Sie benötigen Zeit, um sich an die neue Situation zu gewöhnen. Die Expertin spricht von einem Trauerjahr, ähnlich wie nach dem Tod eines geliebten Menschen, in dem die Mädchen und Jungen möglicherweise auffälliges Verhalten zeigen, beispielsweise aggressiver sind als sonst, sich zurückziehen oder besonders viel Aufmerksamkeit benötigen. 

Hilfreich ist es Ulrich zufolge, wenn gerade in der Anfangszeit bekannte Rituale wie das Vorlesen am Abend beibehalten werden oder, wie bisher, der Vater oder die Mutter das Kind in die Schule oder zum Fußball bringt. In Gesprächen, vor allem vor dem Kind, sollten die Eltern sich nicht gegenseitig schlechtmachen, sondern, so Ulrich, "über die Belange des Kindes miteinander reden, gute Lösungen finden und dabei anerkennen, dass jeder Elternteil weiter wichtig ist."

Genau das haben sich vor mehr als fünf Jahren Anselm Offermann und seine Partnerin vorgenommen. Als sie sich getrennt haben, war der gemeinsame Sohn gerade sechs Monate alt. "Wir waren uns darin einig, dass er zu beiden Elternteilen eine enge Bindung haben soll", erzählt Offermann. Seit Jonathans zweitem Geburtstag betreuen ihn die Eltern im Wechselmodell. Eine Woche ist er beim Vater, eine bei der Mutter. Ihre Wohnungen liegen nicht weit voneinander entfernt im selben Stadtteil in Berlin. Bei Festen wie Geburtstag oder Einschulung sind immer Mutter und Vater dabei, außerdem gibt es jede Woche ein gemeinsames Abendessen. Seit etwa zwei Jahren haben beide Elternteile eine neue Beziehung, und beide haben im vergangenen Jahr mit ihren neuen Partnern noch ein Kind bekommen – und Jonathan innerhalb eines halben Jahres zwei Halbschwestern. Wobei in der Familie alle von "Schwestern" sprechen. 

"Es klappt sehr gut", sagt Offermann. "Für Jonathan ist das Alltag geworden. Er hat zwei Zuhause." Der Junge habe stabile Beziehungen zu beiden Elternteilen. Für problematisch hält Offermann es, dass Jonathan das "Zusammensein mit seinen Eltern als Entweder-oder erlebt", sagt der 42-Jährige. Zwar sei das bei Kindern aus bestehenden Partnerschaften auch so, weil sich meist entweder der eine oder der andere um das Kind kümmere, so der Vater. "Beim Wechselmodell lebt das Kind wirklich in zwei getrennten Welten." 

Damit das funktioniert, gehen die Eltern seit der Trennung regelmäßig zur Mediation, anfangs jede Woche, inzwischen einmal im Monat. Bei den Treffen wird alles besprochen, was gerade anliegt. Wie kommen Fahrrad und Helm von der einen in die andere Wohnung? Geht der Kleine zum Fußballtraining, auch wenn es kalt ist? Sollen die wöchentlichen Abendessen beibehalten werden oder nicht? Ohne die Mediation, ist Offermann überzeugt, gäbe es massive Konflikte. "Wenn man ein Kind gemeinsam hat, muss man sich noch die ganze Zeit mit dem anderen beschäftigen, obwohl man eigentlich nichts mehr mit ihm zu tun haben will", erklärt er. "Man ist faktisch 20 Jahre lang aneinander gebunden und fühlt sich gefangen. Dadurch hat man ein negatives Bild vom anderen im Kopf, was Gespräche schwierig macht." Dass er sich die Betreuung seines Kindes eins zu eins mit der Mutter teilt, war ihm von Anfang an ein großes Anliegen. "Das Wechselmodell ist das einzige Modell, bei dem die Beziehung der Eltern auf Gleichberechtigung beruht", sagt der promovierte Historiker. Er ist überzeugt: "Für ein Kind ist nicht entscheidend, ob es an zwei verschiedenen Orten aufwächst. Hauptsache, es ist immer ein Elternteil da." 

Die 13-jährige Luisa sieht das ähnlich. "Als Gesamtpaket sind wir keine Familie mehr, aber ich habe immer noch meine zwei Elternteile", sagt sie. Und sie weiß: Sie darf beide lieb haben und sich bei beiden zu Hause fühlen. 

Autorin: Christina Tangerding

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