Ab in die Berge

Wandern mit Kindern: Die besten Tipps

Es macht bewiesenermaßen glücklich, ist gesund – und zählt zu den wenigen Urlaubsarten, die auch in Zeiten der Pandemie völlig unbedenklich sind: Wer wandert, ist dieses Jahr auf dem richtigen Pfad! Unsere Autorin hat aufgeschrieben, wie sie ihre drei Kinder zum Laufen bekommt, und sprach außerdem mit Deutschlands "Wanderpapst".

"Mama, können wir endlich weiterlaufen? Wir wollten doch noch auf den Gipfel, das habt ihr versprochen!", bittet meine Sechsjährige und wird dabei von ihrem vierjährigen Bruder tatkräftig unterstützt. Der Einjährige klatscht begeistert in die Hände. Ich sitze eigentlich ganz gut auf der Bierbank vor der Alm, vor mir eine Apfelschorle und ein leer geputzter Teller. Der Kaiserschmarrn scheint den Kindern neuen Auftrieb gegeben zu haben, sie wollen neue Abenteuer erleben.

Dabei gab es an diesem Tag schon reichlich davon: Erst bin ich mit meinen Schuhen so im Matsch stecken geblieben, dass sie komplett mit Modder vollgesogen waren und ich folglich auf Socken weiterlaufen musste (barfuß wandern ist übrigens für Eltern und Kinder kein Problem), dann haben wir uns auf dem Wanderweg verlaufen, deshalb längst mehr Wegekilometer hinter uns als geplant. Dass mein Nachwuchs, waschechte Berliner Kinder, hier in der Natur Österreichs so aufblüht und immer weiterwandern will, das überrascht mich. 

Wandern macht glücklich – auch mit Kindern

Meine Kinder bestätigen aber die wissenschaftlichen Studien an Erwachsenen, die bewiesen haben, dass Wandern glücklich macht. Und uns Eltern macht es irgendwie auch entspannter, weil wir endlich mal mehrere zusammenhängende Sätze sprechen können, während die Kinder das Unterholz erkunden. Laut Manuel Andrack, der als Wanderpapst Deutschlands gilt und mehrere Bücher zum Thema geschrieben hat, profitieren die Kinder aber noch mehr: "Sie lernen die Fantasie auszubauen. Man braucht keine Spielsachen. Der Stock ist nicht nur ein Wanderstock sondern eine Angel, alles erwacht zum Leben, jeder Stein, jeder Zweig."

Und nicht nur die Fantasie wird angeregt, auch der Redefluss. "Die Gespräche sind beim Wandern doch am besten", schwärmt Andrack. "Man redet über Sachen, über die man sonst nicht redet, man kommt ins Philosophieren. Im Alltag ist da kein Platz für, aber beim Wandern schon. Da ist das Gehirn durchlüftet, und man hat als Eltern auch die Muße, sich mit den Kindern zu unterhalten."

Ist der Berg zu steil für die Minis?

Bewegung an der frischen Luft ist gut, und wir sehen den Dreien an, dass sie wirklich unbedingt noch zum Gipfelkreuz möchten. Also wandern wir los, es geht recht steil den Berg hinauf. Neben uns die Kühe, abgetrennt durch einen Zaun, was alle beruhigt. Denn in den Bergen kommt es immer wieder auch zu Unfällen mit Weidekühen, weil Wanderer keinen Abstand halten. Der Einjährige stapft mutig voran, auch wenn wir Eltern immer wieder überlegen, ob der Weg nicht vielleicht doch zu steil für ihn ist. "Einfach mal machen lassen", schlägt Andrack vor. Der begeisterte Wanderer rät zur Gelassenheit. Aber: Gute Planung im Vorfeld sei wichtig, damit die Wege für die Kinder weder zu langweilig noch zu weit werden.

Tagesziele festlegen und flexibel bleiben

"Die Faustformel des Deutschen Wanderverbandes sagt Lebensalter mal 1,5 km", erklärt Andrack. "Das rechnet sich etwas schwer, ich verkürze das auf Lebensalter = Kilometer. Man muss ja immer davon ausgehen, dass Kinder das Doppelte von dem gehen, was die Strecke ist, weil sie so viel herumrennen." Anfangs haben auch wir uns grob an diesen Angaben orientiert, es dann aber flexibel angepasst: Wir Eltern legten das Ziel fest, zunächst kurze Touren bis fünf Kilometer. Nach wenigen Tagen war klar: Die Kinder wollen mehr. Also haben wir die Wanderungen entsprechend erweitert.

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Motivation beim Wandern mit Kindern

Am Ziel gab es immer eine Almhütte, bei der wir auf ein Getränk oder ein Butterbrot einkehrten. Dann wurde gefragt: Weiterwandern oder umkehren? Die Kinder wollten immer weiter. Nach einer 19 Kilometer (!) langen Wanderung fragten sie, ob wir am nächsten Tag wieder so weit wandern würden. Uns Eltern hat die Wanderleidenschaft der Kinder immer wieder aufs Neue überrascht, wir mussten nie antreiben, die Kinder brauchten auch keine Belohnungen als Motivator. Aber es ist nicht verkehrt, wenn es die gibt. 

"Ich finde Belohnungen gut", sagt Manuel Andrack. "Einkehr ist schon nicht schlecht. Das motiviert die Kinder, wenn man sagt, jetzt noch drei Biegungen, und dann gibt's ein Eis. Und das Stempelheft vollzukriegen, das motiviert auch." Natürlich hatten wir diese Hefte auch, am Ende hatten meine Kinder die Wandernadel in Bronze, Silber und Gold erwandert. Wobei: Beim Einjährigen war es etwas geschummelt, der wurde natürlich oft auch in der Trage die Berge hoch- und runterbefördert. 

Dazu rät auch Manuel Andrack: "Die für Kinder attraktiven Wege sind oft nicht buggytauglich. Da ist nicht alles freigeräumt, da muss man auch mal über Baumstämme klettern. Da einen Buggy drüberzuhieven, das macht keinen Spaß." Andrack empfiehlt die Kraxe oder das Tuch. Hilfreich ist es auch, sich Spiele für Durchhänger zu überlegen. Bei unseren Dreien ist Wettrennen der Klassiker, wenn mal jemand keine Lust auf Laufen hat. Aber auch Spiele wie eine Strecke rückwärts laufen oder Entfernungen in Schritten abschätzen (und dann überprüfen) machen Spaß. Eine gemeinsame Geschichte ausdenken oder Märchen erzählen helfen ebenfalls gegen Wanderunlust.

Der Wanderpapst gibt zu bedenken, dass die Wanderlust der Kleinen davon abhängt, wie begeistert die Eltern davon sind. In meinem Fall war es genau anders herum, meine Kinder waren deutlich motivierter als ich. Am Ende waren die zwei Wochen Wanderurlaub für uns aber ein echtes Geschenk. So viel intensive Familienzeit inklusive philosophischen Gesprächen und sogar Zeit als Paar: Das hatten wir selten zuvor. Wir kommen wieder ...

9 Tipps für Wandern mit Kindern

  1. Spiel und Spaß stehen im Vordergrund
    Gipfelsturm und Streckenrekorde sind Kindern schnuppe. Sie wollen was erleben: auf den Spuren magischer Zauberer wandeln, Tiere beobachten und mit nackten Füßen durch einen Gebirgsbach staksen. Das sollten Eltern bei der Tourenplanung und unterwegs beherzigen. Tipp: Highlights einplanen. Das kann ein kleiner Spielplatz sein, eine Hütte, wo's leckeres Eis gibt, oder eine selbst gestaltete Urkunde für den "Besten Bergdetektiv der Welt".
  2. Die Kinder einbeziehen
    Um einen Eindruck zu bekommen, wie sich der Nachwuchs den Familienausflug in die Bergevorstellt und was er sich wünscht, lässt man ihn idealerweise von Anfang an an der Planung teilhaben. Die Eltern machen sich anschließend daran, die Ideen in eine spannende und machbare Tour umzusetzen.
  3. Pausen einlegen
    Regelmäßige Pausen sind Pflicht, damit sich die Kids erholen, stärken und austoben können. Das erhöht auch die Motivation weiterzuwandern.
  4. Die Gehzeiten dem Alter anpassen
    Sobald die Kleinen sitzen können, kann man sie in einem Tragesystem, bestenfalls in einer speziellen Kraxe, mitnehmen. Die Tour sollte nicht länger als drei Stunden dauern. Kindergartenkinder schaffen eine Gehzeit von drei bis vier Stunden; Schulkinder bewältigen je nach Motivation auch Tagestouren. Gut ist, flexibel zu sein und die Touren ggfs. spontan abkürzen oder verlängern zu können.
  5. Vorsicht in großen Höhen
    Mit zunehmender Höhe wird die Luft sprichwörtlich dünner: Der Luftdruck sinkt ab, der Körper bekommt weniger Sauerstoff. Infolgedessen kann bereits ab 2 500 Metern die Höhenkrankheit auftreten, die im schlimmsten Fall ein lebensbedrohliches Hirn- oder Lungenödem zur Folge hat. Wenn ein Familienmitglied Anzeichen wie Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit und/oder Erbrechen zeigt: unbedingt absteigen!
  6. Ein eigener Rucksack und gutes Schuhwerk
    Ein eigener Wanderrucksack ist der ganze Stolz kleiner Bergfexe. Um ein altersgerechtes, gut sitzendes und optisch ansprechendes Modell zu finden, ist der Besuch im Fachgeschäft empfehlenswert. Klar, dass der Nachwuchs zum Probetragen mitkommt. Bei der Gelegenheit kann er dann auch gleich Wanderschuhe anprobieren. Für die Wanderung selbst gilt: den Rucksack nicht zu schwer beladen.
  7. Richtig anziehen
    Outdoor-Bekleidung ist wegen ihrer funktionalen Eigenschaften die beste Wahl, hat aber ihren Preis. Für den Anfang sollte man nicht nur in gute Wanderschuhe, sondern auch in Wandersocken, eine Regenjacke und ein oder zwei Funktionsshirts investieren. Das Anziehen ist Schichtarbeit: Funktionsunterwäsche bildet die Basisschicht, die zweite Schicht dient der Isolation, die äußerste schützt vor Regen, Wind (und ggfs. Schnee).Teleskopstöcke unterstützen das Gehen, erleichtern das Tragen von Rucksack und Kraxe.
  8. Die Notfall-Apotheke dabei und das Wetter im Blick haben
    Unbedingt in den Rucksack gehören neben der Regenkleidung auch Sonnenschutz (Sonnencreme, Sonnenbrille, Hut, Lippenpflege), Notfall-Apotheke, Taschenmesser und Wanderkarte. Sinnvoll sind außerdem Wechselshirt und -socken. Wenngleich das Wandern bei Kaiserwetter mehr Spaß macht: Auch eine Bergtour im Regen hat ihren Reiz. Vorsicht geboten ist bei Gewitter und Schnee. Behaltet also den Wetterbericht gut im Blick!
  9. Proviant mitnehmen
    Auf einer Bergtour benötigen Kinder die doppelte Menge an Flüssigkeit – für eine dreistündige Wanderung etwa einen Liter, am besten Wasser, Saftschorle oder ungesüßten Tee. Belegte Brote, Müsliriegel, Gemüsesticks und Nüsse sorgen für neue Energie.
Experten-Bild

Unser Experte

Manuel Andrack

... gilt als Wanderpapst Deutschlands. Eines seiner Bücher heißt "Mit Kindern wandern". Der Kölner hält Vorträge und ist gern gesehener Gast im TV. Als Vater findet er: "Wandern tut Familien gut."

Autorin: Andrea Zschocher

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