Kindgerecht erklärt

Giraffensprache: So lernen Kids gewaltfreie Kommunikation BESSER!

Giraffen sind grazile, schöne Tiere. Aber was bitte haben die Langhälse mit Kommunikation zwischen Menschen zu tun? Einiges! Nicht umsonst kursiert der Begriff der sogenannten "Giraffensprache". Wir erklären, was dahintersteckt.

© iStock/LightFieldStudios
Giraffensprache: Die Langhälse liefern Eltern einen neuen Aspekt der gewaltfreien Kommunikation.

In Konfliktsituationen fällt es auch Eltern nicht immer ganz so leicht, Ruhe zu bewahren. Und vor allem die richtigen Worte zu finden. Wenn eure Minis das nächste Mal was ausfressen, versucht es mal mit der Giraffensprache. Denn wer sie wählt, der spricht sehr respektvoll und wertschätzend mit seinem (kleinen) Gegenüber und beweist Empathie. Mithilfe der Giraffe als Symbolfigur könnt ihr euren Kids das Prinzip der gewaltfreien Kommunikation besser und schneller erklären!

Giraffensprache basiert auf dem Prinzip der gewaltfreien Kommunikation

Die sogenannte Giraffensprache orientiert sich an dem Konzept der gewaltfreien Kommunikation – eine der wohl bekanntesten Konfliktlösungsstrategien überhaupt. Diese will eine gewaltreiche, vorurteilsgeprägte, vorwurfsvolle Kommunikation vermeiden und eine Kommunikation erreichen, bei der wir empathisch und respektvoll mit uns selbst und anderen agieren.

Gewaltfreie Kommunikation erfolgt in vier Schritten:

  1. Situation beobachten, aber dabei nicht urteilen: "Du hast dein Zimmer nicht aufgeräumt."
  2. Die Gefühle erspüren und wahrnehmen: "Das macht mich traurig!"
  3. Die Bedürfnisse in Worte fassen und bewusst benennen: "Ich wünsche mir mehr Hilfe."
  4. Dahingehend eine Bitte formulieren: "Könntest du bitte dein Zimmer jetzt aufräumen?"

Was ist "Giraffensprache" und wie funktioniert sie? 

Habt ihr selbst die gewaltfreie Kommunikation verinnerlicht und verstanden? Dann könnt ihr sie jetzt auch euren Kindern beibringen. So lernen die Minis, ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu erspüren und zu benennen sowie ein Problem auf faire Weise zu lösen. Nebenbei können sie auch noch ihre Sprachkompetenz trainieren. 

Doch das Prinzip der gewaltfreien Kommunikation ist für Kleine nicht immer gleich verständlich. Da kommt die Giraffe ins Spiel: Marshall Rosenberg, Erfinder der gewaltfreien Kommunikation, erklärte das Prinzip mithilfe von Handpuppen. Für die gewaltfreie Kommunikation ernannte er die Giraffe zur Symbolfigur, für die gewaltvolle Kommunikation den Wolf. Und wieso die Giraffe? Sie gilt als das Landtier mit dem größten Herzen. So entstand der Begriff der "Giraffensprache", die auch oftmals als "Sprache des Herzens" bezeichnet wird. Aber diese Art der Kommunikation hat noch mehr mit Giraffen zu tun:

  1. Blick von oben: Aufgrund ihres langen Halses kann die Giraffe das Geschehen gut überblicken.
  2. Konflikt mit Abstand betrachten: Die Giraffe kann sich die Situation mit einigem Abstand anschauen. Das erleichtert den ersten Schritt der gewaltfreien Kommunikation: beobachten, ohne zu urteilen. 
  3. Warmherzig: Die Giraffe horcht tief in ihr großes Herz und fragt sich: Welche Gefühle spüre ich?
  4. Bedürfnisse: Daraus entstehen unerfüllte Bedürfnisse, die ausgesprochen werden sollten …

Außerdem verhält sich die Giraffe stets wertschätzend und respektvoll gegenüber anderen. Das Tier mit dem langen Hals zeigt ihrem Gegenüber, dass sie ihn nicht verletzen oder bestrafen will. Sie möchte vielmehr zu einem gemeinsamen Ziel kommen und zeigt Verständnis für andere Gefühle und Bedürfnisse.

ABER: Die Giraffe hat einen fiesen Gegenspieler …

Wolfssprache als Gegensatz zur Giraffensprache

… den Wolf! Wenn die Giraffe aus dem Herzen spricht, wählt der Wolf eine gewaltvolle, lebensentfremdete Kommunikation. Er ist viel kleiner als eine Giraffe und kann die Situation nicht überblicken. Manchmal bellt er einfach los, ohne nachzudenken. Der Wolf ist der Mittelpunkt des Geschehens – und immer auf der Jagd nach einem Schuldigen. Und dabei fährt er auch mal seine Krallen aus. Die Wolfssprache wird auch die "Sprache der Herrschaft" genannt. Sie ist die Quelle der Gewalt und lässt andere als Verlierer dastehen. Der Wolf beleidigt, kritisiert, bestraft, bedroht, manipuliert oder bewertet sein Gegenüber. 

Giraffensprache vs. Wolfssprache (Beispiele)

  • Der Wolf stellt sich in seiner Sprache in den Mittelpunkt. Die Giraffe sagt zu ihrem Gegenüber: "Du bist (mir) wichtig."
  • Wolf: "Ich übe Druck (auf dich) aus!" Giraffe: "Komm, wir suchen gemeinsam nach einer Lösung."
  • Der Wolf urteilt, belohnt und bestraft schnell. Die Giraffe hört anderen zu und zeigt Empathie – ohne Vorurteile oder Bewertungen.
  • Der Wolf wirft schnell mit Schuldvorwürfen um sich und greift auch die Gefühle Angst oder Scham auf. Die Giraffe tendiert hingegen zur allgemeinen Wertschätzung.
  • Der Wolf ist stets auf der Suche nach einer Auseinandersetzung und einem Machtkampf. Es MUSS einen Gewinner und Verlierer geben. Die Giraffe strebt hingegen die Kooperation an.

Beispiel "Blöde Kuh!" in Giraffensprache

Jemand beschimpft dich mit "Blöde Kuh!": Wie würde der Wolf und wie die Giraffe darauf reagieren? 

  • In der Wolfssprache würdet ihr zurückschimpfen: "Du bist doch selber eine super blöde Kuh!"
  • Wer hingegen die Giraffensprache wählt, der betrachtet die ganze Situation und merkt, dass die Beleidigung gar nichts mit dir zu tun hatte. Er nimmt wahr, dass vielmehr ein unerfülltes Bedürfnis dahinterstecken könnte.
  • Die Giraffe versucht, möglichst empathisch zu reagieren und herauszufinden, welches Bedürfnis das ist: "Was brauchst du?"
  • Auch eine Giraffe darf seine eigenen Gefühle benennen: "Du hast gerade 'blöde Kuh' zu mir gesagt. Das hat mich verletzt. Ich wünsche mir einen respektvollen und wertschätzenden Umgang. Bitte nenne mich nie wieder eine blöde Kuh!"

Wichtig: Schuldzuweisungen wie "Ich bin traurig, wütend oder verletzt, weil du mich eine blöde Kuh genannt hast" vermeiden.

Giraffensprache mit Grundschulkindern üben

Kinder im Grundschulalter können schon folgende Übung (mit Gesten) als Beispiel für die Giraffensprache durchführen. Übt am besten gemeinsam: 

  1. Beobachten: Formt mit den Händen eine Kamera vor euren Augen und sagt, was ihr seht und hört.
  2. Fühlen: Legt eure Hand aufs Herz und sagt ehrlich, welche Gefühle ihr wahrnehmt.
  3. Bedürfnis: Legt eure Hand auf den Bauch und erzählt euch, welches Bedürfnis ihr habt beziehungsweise was ihr braucht, um wieder glücklich zu sein.
  4. Bitte: Legt beide Hände zusammen (Gebetshaltung) und sprecht freundlich und respektvoll eine Bitte aus.

Besonders jüngere Kinder brauchen meist etwas, bis sie die Giraffensprache wirklich verinnerlicht und verstanden haben – und vor allem im Alltag darauf zurückgreifen können. Falls sie wieder in die Wolfssprache rutschen sollten, bittet sie, alles Gesagte noch mal in der Giraffensprache zu formulieren. Und das gilt auch für euch als Erwachsene. Denn leider tendieren wir viel zu häufig zur Wolfssprache.

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