Seltener Gendefekt

Jonathan wurde zur Adoption freigegeben, weil er seinen Eltern "zu hässlich" war

Noch auf der Geburtsstation wird er von seinen leiblichen Eltern zurückgelassen, weil sie sein Aussehen nicht ertragen konnten. Jonathan Lancaster wird mit dem Treacher-Collins-Syndrom geboren. So heftig der Beginn dieser Lebensgeschichte klingt, umso schöner verläuft sie letztendlich ...

Baby direkt nach der Geburt verlassen wegen Treacher-Collins-Syndrom
© iStock/Orbon Alija
Baby wird verstoßen, direkt nach der Geburt, wegen seines Gesichts. 

"Als ich geboren wurde entschieden sich meine leiblichen Eltern dazu, dass sie ihren Weg gehen würden. Und ich meinen." Diese Worte kommen aus dem Mund eines heute 37-jährigen Mannes. Jonathan Lancaster wurde 1985 in England geboren – mit einem sehr seltenen Gendefekt, dem Treacher-Collins-Syndrom, das zu Fehlbildungen im Gesicht führt. Fehlbildungen, mit denen Jonathans Eltern nicht umgehen konnten. Sie fühlten sich verängstigt von der äußeren Erscheinung ihres neugeborenen Kindes, so erzählt es der junge Mann im Gespräch mit LADbible TV. So stand es in seinem späteren Adoptionsdokument. Sie fühlten keinerlei Bindung zu ihrem eigenen Kind. Nur Stunden nach der Geburt verließen sie das Krankenhaus. Ohne ihr Kind! Diese Zeilen kann ein Mensch mit nur einem Funken Empathie in sich kaum ohne einen riesengroßen Kloß im Hals lesen. 

Aber so schrecklich Jonathans Geschichte beginnt, sie wendet sich zum Guten. Bis dahin sollte es allerdings ein sehr steiniger Weg werden ... 

Großes Glück: Jonathan wird adoptiert

Jonathan hat riesengroßes Glück: Er kommt nach zwei Wochen zu einer Pflegemutter. Mit fünf Jahren darf seine "Momma" ihn adoptieren. Es ist herzerwärmend, wie er von dieser Person erzählt. Wieviel Rückhalt und Liebe sie ihm gab und immer noch gibt. Dem verlassenen Kind, das diese emotionale Basis so sehr brauchte. Dem Kind und dem Teenie, dem das Leben noch viele viele Hindernisse entgegenstellen sollte ...

Er litt sehr unter heftigem Mobbing

Schon früh merkte Jono, wie er sich selbst auch gern nennt, dass er anders ist. Und das auch andere Menschen das wahrnehmen. Aber nicht nur das. Er litt stark unter dem ständigen Starren, dem auf ihn Zeigen, dem Auslachen, dem Mobbing. Er erinnert sich noch genau, wie er als Kind immer wieder in den Spiegel schaute und seine Augen nach oben zog – damit er aussieht wie all die anderen Kinder. Später fragten Mädchen ihn nach einem Date, aber nur als Mutprobe oder um sich am Ende über ihn lustig zu machen. Als Kind und Teenager machte er sein komplettes Lebensglück von seinem Aussehen abhängig und wünschte sich nichts sehnlicher als "normal" auszusehen, strebte sogar eine Operation an, um ein vollkommen neues Gesicht zu bekommen. 

"Ich hatte das Gefühl, ich gehöre nicht in diese Welt"

Mit 16 begann er dann Alkohol zu konsumieren, um all die negativen Gefühle zu betäuben – bis zum Exzess. "Ich hatte das Gefühl, ich gehöre nicht in diese Welt." Er gibt zu, er hatte zwar keine konkreten Suizidgedanken, aber wünschte sich dennoch in einem Autounfall oder an einer Krankheit zu sterben, um endlich aus diesem für ihn so erdrückenden Leben zu fliehen.

Glücklicherweise hatte er zu diesem Zeitpunkt nicht nur seine liebevolle Adoptivmutter als Stütze an seiner Seite, sondern auch echte Freunde. Sie verhalfen ihm zum Beispiel zu einem Job in einer Bar. Und dort verliebte er sich zum ersten Mal. Fand das erste Mal echte, ehrliche Liebe durch eine Frau. 

Seine leiblichen Eltern wollen bis heute nichts von ihm wissen

Mit 25 Jahren wollte er dann einen erneuten Versuch wagen und seine leiblichen Eltern kennenlernen. Er schrieb ihnen einen Brief. Nur eine Woche später kam die Antwort: Ein Brief mit der deutlichen Ansage, dass seine Erzeuger keinen Kontakt wollten und auch jeden weiteren Versuch an sich ablehnen würden. Trotz dieser unglaublich harten Ablehnung, die viele Tränen nach sich zog, äußert er Respekt für diese zwei Menschen und ihre Entscheidung. Und letztlich ist er ihnen sogar dankbar, dankbar für das Leben, das sie ihm geschenkt haben. 

"Ich liebe mein Gesicht!"

Heute, in seinen Dreißigern, kann er von sich sagen, dass er gesund und glücklich ist: "Ich liebe mein Gesicht und ich will es nicht mehr ändern." Liebe, Freundschaft und Jobs. All das hat für ihn nichts mehr mit dem Aussehen zu tun. Jonathan hat gelernt sich selbst zu lieben und damit haben sich für ihn mehr und mehr Türen geöffnet. 

Wohltätigkeitsorganisation für Betroffene

Heute ist Jono nicht nur mit sich und seinem Aussehen absolut im Reinen. Er möchte auch anderen Betroffenen helfen, Aufmerksamkeit für das Treacher-Collins-Syndrom schaffen und hat aus diesem Grund die Charity-Organisation "Love Me, Love My Face Foundation" gegründet. 

Was für ein bewundernswerter Mann!

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