Wenn das Baby ständig an die Brust will

Clusterfeeding: Stillen in der Dauerschleife

Das Baby will schon wieder an die Brust – obwohl es doch gerade erst getrunken hat? Kennen viele von uns. Das Phänomen hat sogar einen Namen: Clusterfeeding. Unsere Autorin hat eine Hebamme gefragt, was wir in diesen Phasen tun können.

Schon wieder verbrachte ich den ganzen Abend auf dem Sofa. Nicht alleine, sondern mit meinem Baby an der Brust. Mein Sohn trank und trank. Kaum ließ er von der einen Brust ab, dockte er an die nächste an. Doch anstatt dann satt und zufrieden einzuschlafen, suchte er gleich danach wieder die andere Brust. Und so weiter. Seit Tagen ging das nun so: Jeden Tag ab dem frühen Abend war ich nur noch am Dauerstillen – fast bis Mitternacht. Keine Pause, kein Einschlafen, nur noch Stillen. Pausenlos. Legte ich meinen Sohn ab, um wenigstens mal kurz zur Toilette zu gehen, fing er an zu schreien und beruhigte sich erst, als ich ihn wieder zum Stillen anlegte. So ging es Abend für Abend, Woche für Woche. An manchen Tagen sogar nicht nur abends, sondern den ganzen Tag über.

Clusterfeeding verunsichert viele Mütter

Clusterfeeding nennt man es, wenn ein Baby oder Neugeborenes vor allem in den ersten drei Lebensmonaten andauernd – am liebsten den ganzen Tag lang – gestillt werden will. "Das Phänomen kennt fast jede Mutter, die stillt. Gerade bis zur sechsten Lebenswoche sind viele Mütter kaum in der Lage, ihre Babys vom Busen loszubekommen", weiß Hebamme Kerstin Lüking. Okay: Mag sein, dass Clusterfeeding in diesem Alter, zum Teil auch bis spät nachts, ganz normal ist, aber die Vehemenz, mit der das Baby stundenlang gestillt werden möchte, und auch die Dauer über Tage und oft Wochen hinweg verunsichert viele Mütter. "Bekommt mein Baby noch genug Milch?", fragte auch ich mich beim ersten Kind.

 

Experten-Bild

Unsere Expertin

Kerstin Lüking

ist Hebamme in Berlin und Mutter von sieben Kindern. Sie schreibt u.a. für den Blog "Mutterkutter". Mit drei anderen Autorinnen veröffentlichte sie das Buch "Der Survival-Guide für Mamas".

Reicht die Milchmenge aus – oder muss ich zufüttern?

Gerade in den ganz anstrengenden Phasen des Clusterfeedings, wenn das Baby einen im wahrsten Sinne leerzusaugen scheint und damit neben der Milch auch Energie und Reserven der Mama nimmt, kommt vielen der Gedanke zuzufüttern, damit das Baby endlich satt und ihm eine gesunde Ernährung gewährleistet wird. Das weiß auch Kerstin Lüking und beruhigt die stillenden Mütter: "Gerade durch das Clusterfeeding sorgt das Baby selbst dafür, dass eine ausreichende Milchmenge vorhanden ist." Stillen sei immer ein Zusammenspiel der Hormone: Je häufiger eine Mutter ihr Kind anlegt, umso mehr Prolaktin-Rezeptoren werden besetzt – und das sei ausschlaggebend für die ausreichende Produktion von Muttermilch. Wer aber dennoch Zweifel hat, ob das Baby wirklich satt wird und die Milchmenge ausreicht, dem rät Kerstin Lüking dazu, einen Blick in die Windel des Kindes zu werfen: "Sind die Windeln häufig nass? Ist der Stuhl gelb? Nimmt das Baby stetig zu? Dann ist alles in Ordnung." Sollte einer dieser Punkte nicht der Fall sein: Bitte unbedingt Rücksprache mit dem Kinderarzt oder der Hebamme halten.

Auch bei Flaschenkindern kann Clusterfeeding auftauchen

Übrigens: Die Clusterfeeding Zeiten liegen besonders oft am Ende des Tages und wenn Babys generell auch mehr schreien, denn abends werden die Tageseindrücke verarbeitet. "Wenn der Tag zu turbulent war, führt das zu unruhigen Abendstunden", erklärt Kerstin Lüking. "Dann ist das Bedürfnis nach Nähe besonders groß, und das Stillen, der Körperkontakt, das Nuckeln und nicht zuletzt die Inhaltsstoffe der Muttermilch beruhigen das Baby."

Dieses Bedürfnis nach Nähe und Körperkontakt haben natürlich nicht nur gestillte Kinder, sondern Flaschenkinder ebenso, weshalb auch bei ihnen Clusterfeeding auftauchen kann – entsprechend an der Flasche statt an der Brust.

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Clusterfeeding aushalten oder abgewöhnen?

Fest steht: Das Dauernuckeln kann anstrengend sein, aber es ist kein Grund zur Beunruhigung. Viele Mütter fragen sich, wie lange das Clusterfeeding Entwicklungsstadium anhält, wann es aufhört oder ob sie es selbst beenden müssen. Die gute Nachricht, so Kerstin Lüking: "Nach spätestens drei Monaten ist diese besonders anstrengende, aber völlig harmlose Phase vorbei." Die Dauer ist also zum Glück überschaubar.

Das entspricht auch meiner Erfahrung: So plötzlich, wie das Dauerstillen einsetzte, so plötzlich war es auch wieder vorbei, und mein Sohn war viel ausgeglichener als früher. Manchmal, wenn er einen Schub machte oder ein Tag besonders aufregend war, legte er noch mal einzelne Clusterfeeding Tage ein, aber diese lange Phase wiederholte sich tatsächlich nicht noch mal. Und beim zweiten und dritten Kind konnte ich dem Phänomen deutlich entspannter begegnen. 

Schon vor der Geburt auf Stillprobleme vorbereiten

Neun von zehn Frauen wünschen sich, ihr Baby zu stillen – nicht nur, weil es praktisch ist, sondern auch diverse gesundheitliche Vorteile hat: Gestillte Kinder leiden seltener an Infektionskrankheiten, Allergien oder Asthma, Mütter senken ihr Brust- und Eierstockkrebsrisiko. Stillprobleme aber überraschen viele – denn oft wird dieses Thema in Geburtsvorbereitungskursen nur am Rande behandelt. Dem wollen Stillberaterinnen vorbeugen, bieten vielerorts Stillvorbereitungskurse an. Pandemiebedingt gibt es auch immer mehr Online-Angebote, zum Beispiel unter stillberatung-mutterglück.de

Autorin: Nathalie Klüver

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