Spagat zwischen Familie und Job

Kind und Karriere : 6 Mütter berichten, wie es ihnen gelingt

Der Wiedereinstieg ins Berufsleben nach der Elternzeit ist nicht immer leicht. Viele Mütter haben das Gefühl, sich zerreißen zu müssen – zwischen Job und Kindern. Unsere Autorin berichtet aus eigener Erfahrung und hat andere Frauen befragt, wie und ob sie es schaffen.

Als Mutter allen Ansprüchen gerecht zu werden, ist nicht immer leicht!
© Foto: iStock/alvarez
Als Mutter allen Ansprüchen gerecht zu werden, ist nicht immer leicht!

Der Spagat zwischen Familie und Arbeit ist enorm –  doch immer mehr Mütter schaffen ihn. Doch wie genau bewerkstelligen diese Frauen den Balanceakt? Mit welcher Unterstützung? Und welche Kompromisse müssen sie dafür eingehen? Das und noch viel mehr wollte unsere Autorin Camilla Rando, die ihren Traumjob in Festanstellung nach fünf Monaten wieder hinschmiss, von anderen Müttern wissen. 

Das Muttersein verändert dich

Das Muttersein verändert dich in deinen Grundfesten. Es stellt deine bisherigen Werte in Frage und dein Leben auf den Kopf. Manchen Frauen fällt es leichter, anderen schwerer sich in der neuen Rolle zurecht zu finden. Wenn ich mit anderen Müttern spreche, höre ich zwischen den Zeilen immer wieder raus: Ich bin zwar erschöpfter, aber glücklicher und fokussierter als vorher. 

"Die ersten zwölf Wochen waren wahnsinnig intensiv. In so kurzer Zeit ist so viel passiert wie sonst vielleicht in einem Jahr. Es fühlt sich ganz selbstverständlich an, Mutter zu sein und doch lernt man jeden Tag immer noch dazu. Die Wochen vergingen wie im Flug und es kommt mir manchmal immer noch vor wie ein kleiner Traum. Ich habe mich selbst, meinen Mann und natürlich unsere kleine Tochter ganz neu kennengelernt", beschreibt Anne-Kathrin Strauss, freie Redakteurin, die erste Zeit als Mutter. 

Es relativiert viel und man bekommt einen völlig neuen Blickwinkel – auch auf die Arbeitswelt. Meine Erfahrung ist: Mütter sollten die Elternzeit nutzen, um herauszufinden, was sie beruflich danach wirklich tun möchten. Frauen sollten dies als Chance sehen, ihre bisherige Arbeitssituation, sofern sie nicht wirklich zufrieden damit sind, zu überdenken.

Die Sehnsucht nach der Arbeit

Teresa Bücker, Journalistin und Autorin, ist zweifache Mutter. Sie schrieb in einem Artikel, dass sie bereits nach drei Wochen Muttersein Sehnsucht nach dem Großraumbüro hatte. 

Sie erwartete unzählige negative Kommentare dazu, doch sie bekam stattdessen eine überwältigende – positive – Resonanz. Dutzende Kommentare und Zuschriften von jungen Müttern, den es ähnlich ging. "Ich glaube, mir hat vor allem sehr schnell gefehlt, unter Menschen zu sein und mit dem Kopf arbeiten zu dürfen. Ich habe ja nicht aufgehört, Nachrichten und Debatten zu verfolgen und als Journalistin möchte man dort einfach mitmischen – und das ging nicht", erinnert sich Teresa Bücker.  

Franziska von Hardenberg, Start-up-Unternehmerin und Mutter, erging es ganz ähnlich. Sie ist selbstständig, leitet ein Team. Und das war selbst so, als ihre erste Tochter wenige Wochen alt war –Minimum zehn bis zwanzig Arbeitsstunden in der Woche. Allerdings arbeitete sie anfangs größenteils von zu Hause aus oder nahm das Baby einfach mit ins Büro: "Ich habe zum Glück ein super Team, auf das ich mich voll verlassen kann. Natürlich werde ich trotzdem zu vielem gefragt. Für mich ist das aber keinerlei Last, sondern ich finde es schön, dass es mir schon so schnell wieder so gut geht, dass ich mit anpacken kann."

Der richtige Weg zwischen Familie und Beruf

Als ich Tanya Neufeldt aka Lucie Marshall, Bloggerin, Buchautorin, Moderatorin und heute erfolgreiche Unternehmerin befragte, bekam ich eine wunderbare Antwort: "Ich suche nicht mehr danach. Mich hat das so unter Druck gesetzt, einen – den RICHTIGEN – Weg zu finden, bis ich irgendwann gemerkt habe: Vielleicht gibt es gar keinen? Seitdem atme ich viel ein und aus. Und wieder ein und aus. Ich habe vor allem aufgehört, mein Familienleben vom Arbeitsleben zu trennen. Ich war sehr lange darauf bedacht, im Arbeitsleben so perfekt zu funktionieren, wie früher ohne Kind. Und das ist Quatsch. Wenn mein Sohn jetzt krank ist, dann sitzt er eben mit beim Meeting und wer doof guckt, hat selber schuld. Es ist wie es ist, und je flexibler ich bin und meinen Perfektionismus hinten anstelle, desto besser."

Tanya war Schauspielerin, bis sie Mutter wurde – und ihren Job hinterfragte. Ihr wurde bewusst, dass es sie nicht mehr glücklich macht, am Set zu stehen. Diese Erkenntnis erzeugte erst einmal Angst, schließlich war die Schauspielerei 15 Jahre lang ihre berufliche Basis. Doch nach einer emotionalen Berg- und Talfahrt hatte sie das Schreiben für sich entdeckt. Sie gründete ihren Blog "Lucie Marshall". Und der Erfolg gab ihr recht, sie schrieb Bücher und gründete sogar ein eigenes Unternehmen für Influencer Marketing. Die größte Herausforderung für Tanya war es, ihren eigenen Perfektionismus auf die Couch zu setzen und zu sagen: "Ich nehme mir jetzt die Zeit für beides: Lese eine Illustrierte und  kratze währenddessen Nutella von den Pailetten-Kissen." 

Auch Maite Kelly, Sängerin, Moderatorin und Dreifach-Mama hat solche Erfahrungen gemacht. Sie ist eine Vollblut-Mama und hat sich bei jedem ihrer drei Kinder eine Auszeit genommen. Auch wenn sie hin und wieder viel arbeitet, steht die Familie für sie immer an erster Stelle. 

"Man muss in der Zeit auch lernen Nein zu sagen, um sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Mit der wachsenden Erfahrung, kann ich heute schneller feststellen wann mir, uns oder der ganzen Familie zu viel zugemutet wird", erzählt sie. Aber Maite weiß auch: "Ich habe das Glück, dass ich als Künstlerin vieles von zu Hause entwickeln und bewegen kann. Und ich nehme keine Jobs an, bei denen ich nicht als Mutter verstanden werde. Wer mich als Schauspielerin oder Sängerin, Moderatorin, engagiert mich auch als Mutter."

Wir brauchen ein anderes Frauenbild und Mutterbild

In den meisten Fällen belastet nicht der Druck von Arbeitgebern oder des Umfelds die Mütter in ihrem Rollenverständnis. Viel mehr sind es die eigenen Erwartungen, die wir Frauen an uns haben und die uns so enorm unter Druck setzen. Wir wollen dem Bild der perfekten Frau entsprechen, Beruf und Familie mit einem Lächeln und einer Leichtigkeit unter einen Hut bringen, wie es Super-Mama Heidi Klum zu schaffen scheint. Doch der eigene Perfektionismus ist leider oft nicht zu vereinbaren mit der Realität. Wir können daran nur scheitern. Also sollten wir Mütter lieber Klischees von der "perfekten Mutter" oder der einer "Rabenmutter" aus unserem Wortschatz streichen und uns darauf besinnen, was wir wirklich sind: Wir sind einfach Frauen, die einen Job und eine Familie haben. Und das klappt mal etwas besser und mal weniger gut. 

Was wir also unbedingt brauchen ist ein neues Frauen- und Mutterbild, fordert auch Teresa Bücker. Ein Großteil der Probleme, die das Leben von berufstätigen Müttern so schwierig machen, findet in unseren Köpfen statt. Es gibt kein Falsch und kein Richtig, weil auch die Kinder und Mütter so verschieden sind. Wir brauchen keine Idealvorstellung, wie wir zu sein haben, sondern wir sollten versuchen, weniger zu vergleichen und mehr in uns hinein zu horchen, was wir eigentlich für uns wollen. 

Auf die richtige Hilfe kommt es an

Wenn wir nicht am Sandwich-Mutter-Dasein scheitern wollen, müssen wir uns die passende Unterstützung holen – und diese nicht als etwas Negatives sehen. Hilfe bedeutet, die Dinge besser zu organisieren. Ob Partner, Familie oder Tagesmutter, Babysitterin, auch der Kindergarten mit entsprechender Betreuung – wichtig ist, dass wir die für uns gerade wichtige Hilfe bekommen. Ich würde ohne meine Eltern, die nicht weit entfernt wohnen, regelrecht untergehen. Dazu gehören nicht nur die regelmäßigen Nachmittage, an denen ich länger arbeiten muss, sondern auch die Auszeiten, die sie mir regelmäßig erlauben zu nehmen. 

Einfach mal einen halben Tag im Bett verbringen und nicht aufstehen müssen; in Ruhe ein Buch oder im Café einen Soja-Latte-Macchiato trinken – sich halt einfach mal etwas zu gönnen, ohne gehetzt zu sein, weil man irgendwas noch nicht erledigt hat. Das sind die Momente, die es einem erlauben Kraft und Energie für die Herausforderungen im Alltag zu tanken. Denn wir vergessen gerne bei all dem "Spagat" zwischen Beruf und Familie, dass es noch mehr gibt im Leben. Erholungsräume sind enorm wichtig und sollten für jede Mutter möglich sein. 

Der Begriff "Working Mom" scheint überholt

Als ich die Bloggerin Tanya Neufeldt fragte, was sie zu dem Begriff "Working Mom" denkt, feuerte sie mir ihre Antwort regelrecht um die Ohren: "Ich kann das alles nicht mehr hören. Ich bin eine Frau, die arbeitet und eine Familie hat. Schluss aus. Wir stilisieren das alles so irre hoch. Dabei ist es das ganz normale Leben. Man pflanzt sich fort, man arbeitet." Schließlich impliziere der Begriff "Working Mom", dass Mütter die ganztags zu Hause sind, um sich um die Kinder zu kümmern, nicht wirklich arbeiten würden. 

Wir Mütter haben gelernt, dass das Muttersein schon an sich einer der härteste Jobs ist. Außerdem legt der Begriff irgendwie nahe, dass es nicht normal sei, wenn Mütter arbeiten gehen. "Working Mom" ist kein Begriff, der zu vielen Müttern passt. Das Bild, das damit einhergeht, ist die erfolgreiche Managerin, die Vollzeit arbeitet und ganz nebenbei noch eine Familie wuppt. Maite Kelly sieht das so: "An dem Tag, an dem ich Mutter wurde, wurde ich auch eine Geschäftsfrau." Und sie teilt meine Erfahrung: Es sind oftmals Mütter, die am effektivsten und produktivsten arbeiten. Kein Wunder, schließlich bleibt ihnen nur eine feste Zeitspanne, um alle Aufgaben zu erledigen. 

Wir Mütter haben in den ersten Wochen mit Baby gelernt, dass wir die kleinsten Zeitfenster unbedingt für uns nutzen müssen. Auch Anne-Kathrin Strauss sieht das so: Sie findet, dass im Grunde in jeder Mutter eine "Working Mom" steckt. Auch die "Fulltime-Mamis" hätten einen anstrengenden Job. Was alle Mütter verbindet, ist der Zwiespalt, in dem sie sich rund um die Uhr befinden. Es ist keine Selbstverständlichkeit von arbeitenden Müttern  zu sprechen. Aber wir sind auf einem guten Weg, das gerade zu ändern! Und wie sagt man doch so schön? Yes, we can!

Autorin: Camilla Rando

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