Kindgerechte Aufklärung

Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt – ein Thema für die Schule?

Ab wann darf oder sollte sexuelle und geschlechtliche Vielfalt ein pädagogisches Thema werden? Über diese Frage scheiden sich die Geister. Im Gespräch mit einer Sexualpädagogin wollen wir die wichtigsten Fragen und Bedenken klären …

Sollte die Aufklärung unserer Kleinen über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt selbstverständlich sein?
© Foto: iStock/DoloresGiraldez
Sollte die Aufklärung unserer Kleinen über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt selbstverständlich sein?

Schon lange ist die gesellschaftliche Vielfalt nicht mehr aus dem pädagogischen Diskurs wegzudenken. Darüber, dass es sinnvoll ist, Toleranz schon bei unseren Kleinen zu fördern, sind sich wohl die meisten Eltern einig. Schwieriger wird es aber bei der Frage, ob Kinder schon im frühen Alter über Fragen der Geschlechtsidentität und sexuellen Vielfalt aufgeklärt werden sollten.

Denn diese Themen stehen nicht nur auf schulischen Lehrplänen – bereits in der Kita wird darüber zunehmend gesprochen. Auch die Bandbreite an Bilder- und Kinderbüchern nimmt zu, die verspricht, kindgerechte Aufklärung zu leisten. Viele dieser Bücher haben bereits eine Leseempfehlung ab vier Jahren. Doch nicht alle Eltern sind damit einverstanden, dass ihre Kinder so früh mit dem Thema konfrontiert werden. Die häufigsten Befürchtungen sind die Angst vor Frühsexualisierung oder Verwirrung unserer Kleinen.

Im Gespräch mit der Sexualpädagogin Anna Dillinger aus Wien erhalten wir spannende Antworten auf die häufigsten Fragen und Bedenken rund um das Thema kindgerechte Aufklärung über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt …

Bereits in der Kita und Grundschule wird Akzeptanz für verschiedene Lebens- und Liebesformen vermittelt und in modernen Kinderbüchern treten gleichgeschlechtliche Elternpaare oder auch die Frage nach der eigenen Geschlechtsidentität auf. Ab wann sind Kinder bereit für Sexualaufklärung?

Anna Dillinger: "Kinder sind dann bereit für Sexualaufklärung, wenn sie von sich aus Interesse zeigen und Fragen stellen. Das geht natürlich viel besser in einem Umfeld, in dem Kinder spüren: 'Hier darf ich alles fragen und bekomme auch eine Antwort.' Von sich aus sind Kinder einfach neugierig, bewerten noch nicht wie wir Erwachsene und wundern sich anfangs eher darüber, wenn eine Person bei einem Thema ins Herumdrucksen kommt. Eigentlich doch eine sehr schöne Einstellung. Es gibt also kein fixes Alter, in dem 'Aufklärung' beginnt – sondern es sollte in jedem Alter 'Erklärungen' geben, wenn das Kind fragt. Das kann mit drei Jahren, mit fünf Jahren oder später sein."

Viele sehen in der an Vielfalt orientierten Sexualaufklärung eine Gefahr, jedenfalls, wenn sie bereits im Kita- oder Grundschulalter begonnen wird. Themen wie Homosexualität oder Transgender anzusprechen, wird dann schnell mit der Angst verbunden, die Kinder zu verwirren. Oder gar das traditionelle Familienbild abzuwerten. Was würden Sie als Sexualpädagogin darauf antworten?

"Ich werde oft mit dieser Sorge konfrontiert, der ja generell die Angst zugrunde liegt, dass man Kinder durch das Ansprechen von Themen dazu bringe, selbst etwas zu 'wollen', was nicht altersgemäß sei. Das gleiche höre ich oft auch beim Thema, ob und ab wann man Kindern erklären könne, was Sex sei. Doch so funktionieren wir nicht. Nur weil etwas erklärt wird, wächst bei Kindern nicht der Wunsch, es auch zu tun. Langfristig ist das Gegenteil der Fall: Wenn ich als Kind über die Dinge und meine Optionen Bescheid weiß, kann ich mich auch freier dafür oder dagegen entscheiden.

Es ist einfach eine Realität, dass es Homosexualität, Intersexualität oder Transgender gibt. Ich denke nicht, dass man diese Möglichkeiten der sexuellen Orientierung oder Identität in 'exotischer' Art und Weise hervorheben muss, sondern es darum gehen muss, Diversität zu normalisieren. Dazu gehört, dass sie da sein darf, sich in Beispielen wieder findet und natürlich auch darauf eingegangen wird, wenn ein Kind etwas gehört oder gesehen hat und jetzt wissen will, worum es dabei geht."

Wie sieht eine kingerechte Aufklärung zu diesen Themen aus?

"Kindergerechte Aufklärung heißt zunächst einmal: So einfach und kurz wie möglich. Kinder wollen keine Vorträge hören, sondern klare Antworten auf ihre Fragen. Klar, das geht nicht bei jedem Thema – manches ist nun einmal komplex. Aber genau das probieren wir als Sexualpädagogen und Sexualpädagoginnen: Immer wieder einfache Erklärungen finden und dabei so wenig wie möglich Moral oder Bewertung unterschmuggeln. Natürlich darf man seine Meinung haben und für sich denken 'Für mich ist das nichts!' Aber vermitteln kann man stattdessen auch: 'Für manche ist das genau das Richtige. Jeder Mensch ist da unterschiedlich.'"

Noch mal zurück zur Sorge um eine "Frühsexualisierung": Wie kann aufgeklärt werden, ohne dass es zu einer Verunsicherung der eigenen sexuellen oder geschlechtlichen Identität kommt?

"Die allerbeste Voraussetzung für eine sichere eigene sexuelle Identität ist eine stabile Körperwahrnehmung und die Kompetenz, sich selbst und andere – auch bezogen auf Grenzen – gut zu spüren. Um genau das zu stärken, kann man Kinder ab der Geburt dabei unterstützen, so viel wie möglich sensorische und motorische Fähigkeiten zu entwickeln. Und dazu gehört auch, dass ein Kind seinen Körper lustvoll entdecken darf und positive Spür-Erfahrungen mit sich und seinem Geschlecht sammelt – im Rahmen von sozialen Regeln.

Wissen über den eigenen Körper ist ein weiterer Baustein auf dem Weg zu einer selbstbestimmten, positiven Eigenwahrnehmung und während Verunsicherung generell auch ein ganz normaler Teil der Entwicklung ist, führt mehr Wissen über sexuelle Orientierung oder verschiedene Identitäten nicht dazu, dass sich Kinder grundsätzlich in Frage stellen.

Erwachsene vergessen oft, dass das Interesse von Kindern selektiv ist (nur was jetzt gerade in der Lebensphase wichtig ist, ist interessant) und vieles kurze Zeit später keine große Rolle mehr spielt. Da werden Seiten im Buch einfach überblättert, oder es wird bei einer Erklärung vielleicht kurz gestaunt. Wenn es aber nicht mit dem Kind räsoniert, ist es dann meist auch schnell wieder aus dem Fokus. Für andere Kinder kann es vielleicht sehr spannend oder auch erleichternd sein, im besten Fall bleibt übrig: Wir sind alle unterschiedlich und das ist ganz normal. Man darf sich also tatsächlich etwas entspannen und im besten Fall dafür sorgen, dass Kinder viele Angebote für lustvolle und spaß-machende Körperwahrnehmung haben. Das zählt gerade im jungen Alter einfach mehr als intellektuelle Beschäftigung."

Das bedeutet, viele Bedenken entstehen aus der Erwachsenenperspektive heraus, bei der nicht mitgedacht wird, dass sich die kindliche Sexualität von der der Erwachsenen unterscheidet? Und Eltern sollten ihre Kinder ruhig darin bestärken, den eigenen Körper – Geschlechtsteile eingeschlossen – zu erkunden, auch um eigene Grenzen in Hinblick auf Übergriffigkeiten setzen zu können?

"Die meisten Sorgen und Ängste bei diesem Thema kommen genau aus dieser Erwachsenen-Perspektive, bei der wir meist

  1. vergessen haben, wie wir selbst als Kinder funktioniert haben und
  2. davon beeinflusst sind, mit welchen Werten und Moralvorstellungen zur Sexualität wir selbst aufgewachsen sind …

Es fordert wirklich eine hohe Reflektionsfähigkeit – und ich bewundere das immer wieder, wenn ich es zum Beispiel bei Elternabenden mitbekommen darf – sich dessen bewusst zu werden und die Erwachsenbrille auch mal absetzen zu können. Denn dann können wir sehen, dass Kinder einfach das ausprobieren und wiederholen, was sich gut anfühlt. Und zu lernen, was sich in Bezug auf den eigenen Körper und das Geschlecht angenehm anfühlt, ist eine Grundvoraussetzung dafür, auch das Gegenteil – etwas Unangenehmes – spüren und als Grenze identifizieren zu können.

Und über das Thema Sexualität reden zu können, es als besprechbar zu erleben, steigert ebenso die Kompetenz, von grenzüberschreitenden Situationen überhaupt erzählen zu können und sie nicht nur als 'Tabu' und 'schambesetzt' wahrzunehmen."

Mehr zum Thema: Wie wir die richtigen Worte finden, wenn wir mit Kindern über Sex sprechen, verrät uns Anna Dillinger in diesem Artikel >>>

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